Freitag, 31. Juli 2026

Achselzucken

Wenn nicht, dann nicht.
Ich bin doch nicht angewiesen
auf ein glückliches Leben.
Ich kann ebenso gut
um Gnade winseln.

Dienstag, 28. Juli 2026

Ach ja

Das darf doch nicht wahr sein.
Könnte man meinen.
Es ist aber wahr.
Um so schlimmer, nicht wahr,
für die Wirklichkeit,
wenn sie nicht ist,
wie sie sein soll.

Montag, 27. Juli 2026

Hilfspoetik

Schlechte Gedichte
sind ein schwacher Trost
für ein ungelebtes Leben.
Aber sie sind einer

Ladenhüter

Ich eröffne ein Verlustgeschäft
und handle mit Zitronen.
Meinen Bauchladen schnalle ich mir
auf den Rücken. Das wird schon.
Die Kasse lasse ich nur klingeln,
wenn ich gerade nichts verkaufe.
Kundschaft brauche ich keine,
ich bin selbst mein bester Kundschafter.
Werktags halte ich geschlossen,
wenn ich überhaupt offen habe,
ist sowieso ein Feiertag.
Der Umsatz ist mäßig. Aber
ich hole die Kosten wieder herein,
indem ich auf Zahlen verzichte.
Lasst mich nur machen. Das wird so:
Der Laden brummt. Die Bude ist voll.
Der Absatz schießt durch die Decke.
Demnächst eröffne ich eine Filiale
hinterm Mond und werde bestimmt
Unternehmer des Jahres 
vierzehnhundertdreiundfünfzig.
Dann ziehe ich mich zurück
und beschließe meine Tage
als Restposten.

Bleibeperspektive

Es gibt keinen Ort,
an den man flüchten könnte,
überall sind die schon da,
die man fliehen möchte,
überall herrscht, was nicht sein soll,
Zerstörung und Wahn,
was man auch Fortschritt nennt,
Und das völlig zu Recht.
Denn allen geht es prächtig.
Wem es noch nicht prächtig geht,
dem wir es bald prächtig gehen.
Doch seltsamerweise
wissen alle den Wert,
weil alles gehandelt wird,
aber sie kennen denn Preis nicht,
den die Dinge bezahlen,
die Pflanzen und Tiere
und vor allem die Menschen,
die sinnbegabten Wesen,
denen ihre Begabung
so reichlich abhanden kam.
Ist man selbst denn so anders?
Man müsste es wohl
erst in Ruhe erforschen.
Allein möchte man sein 
mit den Verlusten, der Trauer
und der ersterbenden Freude
am Unvergänglichen.

Sonntag, 26. Juli 2026

Bestandsaufnahme

Da fehlt das Gesicht. Irgendwie
wurde es wohl weggerissen.
Dort fehlen Arme und Beine.
Viel Blut ist hier, viel zu viel Blut.
Manchmal weiß man nicht so recht,
wo hört ein Körper auf,
wo fängt ein anderer an.
Das waren Menschen. Man darf 
gar nicht daran denken. Man muss
es aber immerzu.

Sonntagsrede (II)

Ja, macht nur.
Lebt nur eure Leben,
wie ihr eich einreden lasst,
dass ihr sie leben wollt.
Ich hätte vieles dagegen,
aber ich kann nichts machen.
Also nur zu,
macht weiter so,
auf den Abgrund zu.
Ich stehe eurem Glück
bestimmt nicht im Wege.
Lasst euch unterdrücken,
ausbeuten, macht mit
bei der Ausbeutung anderer
und der sogenannten Natur,
nehmt Vergeudung, Vergiftung,
irreparable Beschädigung
und letzte Zerstörung
einfach so hin,
um so leben zu können,
wie es euch gefallen soll,
so satt und behaglich,
so gut unterhalten
und herrlich abgelenkt
und manchmal im Rausch.
Während Hunger und Krieg 
anderswo stattfinden.
All das Unrecht in der Welt,
also um euch herum,
hat ja mit euch nichts zu tun.
Und selbst wenn es so wäre:
Ihr habt ein Recht darauf,
Spaß zu haben und wegzuschaun.
Lebt eure Leben,
als wäre nichts,
dann ist da auch nichts,
und ihr könnt zufrieden
mit euch und eurem Leben
eines schönen Tages
erst in die Grube
und dann zur Hölle fahren.
Was sollte ich dagegen haben?

Samstag, 25. Juli 2026

Admonitio ad me ipsum

Denkst dir halt immer,
kannst ja noch warten,
hast ja noch Zeit.
Einen Scheiß hast.
Morgen tot sein kannst du.
Was du nicht sofort
endlich angehst,
nicht hier und jetzt
wirklich tust und machst,
wirst du womöglich
nimmermehr ―

Freitag, 24. Juli 2026

Wildwuchs

Der Brombeerstrauch erzählt
schlimme Geschichten. Doch damit
will er nur Eindruck schinden.
Und was eigentlich zählt,
ist seiner Früchte Süße.

Südliche Landschaft

Von den Pinien lerne
und vom ewigen Himmel
die alleinige Wahrheit:
Alles Leid muss einmal enden
und das Schöne verweist
ohne Zweifel schon jetzt darauf,
wohin die Reise noch geht.

Der Gartenbau zu Babel

Schon der Johannisbeerstrauch, heißt es,
spricht eine andere Sprache.
Wie soll da nebeneinander gedeihn,
was nicht anders zusammengehört
als durch den Einsatz der Erntehelfer?
Und gerade für die gilt ja: Jede
Verständigung hat zu unterbleiben.
So will es die Gutsherrenart.
Den Rest flüstern die Grashalme.

Kunstgriff

Man muss nicht auf alles
einen Reim haben; manchmal
genügt schon ein Seufzer.

Sommerliche Alternative

Bei den Berberitzen sitzen
und die ganze Welt verschwitzen
wäre angesichts dieser Lage
die angenehmere Vorstellung.

Alte Gegend

Erinnre dich nicht,
lass die Pappeln schweigen
und die Zypressen,
dass sie nichts verraten,
was gut hätte sein können
oder auch wirklich war,
eine harte Schönheit, 
einen vergangenen Traum.

Donnerstag, 23. Juli 2026

Lehrgang

Dass ein Lächeln so viel mehr
als ein Lächeln sein könnte,
ist ein schöner Traum,
der, wohldosiert,
niemandem schadet.

Dass ein freundliches Wort
die Möglichkeit andeutete,
dass das Paradies auf Erden
erreichbar wäre, ist ein
gefährliches Missverständnis.
 
Dass eine zufällige Berührung
überhaupt nichts zu sagen hat,
muss man sich einreden,
um nicht zu Grunde zu gehn
an der schockierenden Einsamkeit.

Humanität

Komm her, ich will dir
den Kopf abschlagen,
damit es dir besser geht 
und du nicht mehr denken musst,
was verboten ist.

Vorübergehend

Weißt du denn überhaupt,
wie lieb ich dich haben könnte?
Mindestens so sehr wie irgendwer.
Vielleicht sogar sehr viel mehr.
Aber wie könntest du das wissen?
Ich werde es dir nie sagen,
du wirst es mich nie fragen,
wir sind einander fremd,
ich sehe dich zum ersten Mal,
du nimmst mich kaum wahr,
wir begegnen einander nie wieder.
Und doch weiß ich ziemlich genau,
dass du der für mich sein könntest,
den ich über alles lieb habe.

Mittwoch, 22. Juli 2026

Moralattacke

Macht's noch Spaß? Ist das Leben
immer noch die reinste Freude,
von keinem Gedanken angekränkelt
und nicht vom Gewissen vergällt?
Was da passiert, während du versuchst,
möglichst viel herauszuholen
und möglichst nichts mitzubekommen,
willst du gar nicht wissen.
Es kostet dich ja auch nur 
deine Menschlichkeit. Was soll's.

Dienstag, 21. Juli 2026

Endgericht

Sie werden ihre Chancen gehabt haben,
Gutes zu tun und Böses zu lassen.
Sie werden sich ihr eigenes Urteil
gesprochen haben mit ihren Taten 
und Unterlassungen. Mehr muss dann
eigentlich gar nicht mehr gesagt werden.

Totenrede

Sie gehen sinnlos zu Grunde,
und kein Mensch, keine höhere Macht
lässt sich darauf ein, ihnen zu helfen,
im Gegenteil, Menschen stoßen Menschen
in Abgründe der Grausamkeit,
lassen ganz beiläufig zu,
dass gelitten und verreckt wird.
Wenige erheben Einspruch,
versuchen zu lindern, verzweifeln.
Doch die meisten sind derweil damit
ausgiebig beschäftigt, mitzutun
bei dem, was nicht getan werden darf,
und sich zur dringend nötigen
Erholung reichlich abzulenken
Gott kann nichts machen. Die Menschen
wollen es so, sie wollen einander
entrechten, quälen, vernichten.
Sie zerstören die Erde und verachten
jeden Himmel außer dem erfundenen.
Gott lässt zu, dass die Hölle
von Menschen für Menschen
schon auf Erden errichtet wird,
dass alles keinen Sinn hat, 
dass das Gute so schwach ist
und mitgerissen wird in den Wirbel
des Bösen. Wann kommt das Ende?
Nur das Ende kann noch trösten,
nur die Vergänglichkeit der Gemeinheit,
die jetzt herrscht, aber gewiss nicht
in alle Ewigkeit.

Alternativlosigkeit

Alle wissen immer
von zuverlässiger Seite,
dass sie im Recht sind.
Zudem könnten sie gar nicht
anders handeln, als sie handeln,
da seien Sachzwänge,
größere Zusammenhänge,
höhere Mächte am Werk.
Was sie täten, müssten sie tun,
und sie täten es gern,
dem Gemeinwohl verpflichtet
und völlig reinen Gewissens. 

Sie lügen. Umso unverschämter,
je mehr ihnen klar sein müsste,
dass jeder weiß, dass sie lügen.
Sie wissen es auch und leugnen es,
sie belügen sich selbst und
können zum Schluss Wahrheit
und Lüge nicht mehr unterscheiden,
wollen das auch gar nicht,
denn was nützte ihnen das?
Sie werden so oder so das tun,
was sie einfach tun wollen.
Zum Nachteil für alle.

Anachoretisches

Aber ich gehörte nicht dazu.
Für mich war das noch nie etwas.
Im Gegenteil, es stieß mich ab.
Also stand ich abseits und war still.
Irgendwann begriff ich, was ich
zuvor nur nur geahnt hatte,
dass ich alles anders wollte,
das aber von den anderen
nie würde bekommen können.
Also musste ich alleine bleiben.
Mich davon stehlen. Ausbleiben.
Man hörte nichts mehr von mir. Doch 
statt zu schweigen, tat ich ich den Mund auf,
in meiner Einsamkeit sang ich,
stimmte zwar in keinen Chor ein,
es wäre denn ein himmlischer,
aber ich sang, zum ersten Mal sang ich,
sang nur für mich und den,
der immer unweigerlich zuhört,
meine seltsamen Gesänge.

Sonntag, 19. Juli 2026

Brotlose Kunst

Er gab sich bescheiden und war es auch,
er musste es sein, denn was er hatte,
war auch schon alles, was es gab,
mehr war einfach nicht zu bekommen,
nicht für Geld und gute Worte.
Also sparte er sich jeden Vers
vom Munde ab, verzichte auf Reime 
und hielt sich beim Rhythmus zurück.
Der einzige Luxus, den er sich leistete,
worauf er nie im Leben verzichtet hätte,
waren Gedanken. Daraus machte er,
notgedrungen, seine Gedichte.

Grazioso

Und ging untadelig daraus hervor,
als wäre nichts gewesen, nur eben
eine Anfechtung, rasch ausgefochten
mit scharfer Klinge und wie nebenher,
aber in vollem Ernst und keineswegs 
leichtfertig. Welche Anmut des Herzens!

Mittwoch, 15. Juli 2026

Vox populi

Neuerdings weiß ich aus sicher Quelle,
dass es nicht gut um mich steht. Ich bin 
ein Dummkopf, ein Wirrkopf,
einer, dem man ins Hirn geschissen hat,
ein Troll zumal, ein bezahlter Agent,
ein armer Irrer, ein gefährlicher Spinner,
ein Ignorant und ein Besserwisser,
jemand, der das Maul halten soll,
ein unerträglicher Narr,
nicht ernst zu nehmen, eine Witzfigur,
aber auch ein Brandstifter,
ein Brunnenvergifter, ein Schwätzer,
ein Hetzer, ein Hasser, ein Gutmensch,
ein Terroristenunterstützer,
ein Kommunist, ein Faschist,
so ein linksgrüner Scheißliberaler,
eine Drecksau, ein armes Schwein,
ein Schweinchen Schlau, einer,
der sich wohl für was Besseres hält,
ein Störenfried, der noch sehen wird,
was er davon hat, so zu reden,
einfach das Allerletzte, was soll man
zu so einem noch sagen?
Der ist nichts, der kann nichts,
so einer muss weg, zur Not
müsste man nachhelfen. Ein bisschen.

Dienstag, 14. Juli 2026

Rosenkunde

Meine Rosen sind bitter,
sie sind fahrig und abgewohnt,
sind schon ranzig und taugen
zu keinem Heldentod mehr.
Abbruchreif ragen sie stur
in falsche Leben hinein.
Wer weiß, was das heißen soll. 
Mich dürstet jedenfalls längst
nach reglosem Daliegen,
doch die Rosen versperren
bis zuletzt diesen Ausweg.

Montag, 13. Juli 2026

Ad nauseam

Die Weltverschlimmerer
haben wie immer das Sagen,
und die Scheiße, die sie von sich geben,
schlucken begierig die Verhetzten
und Verdummten, kotzen sie aus
und fressen sie wieder. Und so fort.

Sonntag, 12. Juli 2026

Urlaub

Lästige Wirklichkeit!
Immer will die was.
Alles könnte so schön sein,
wenn man nichts müsste.

Freitag, 10. Juli 2026

Ich sag mal so

Ich bin nicht so recht überzeugt
von mir und dem, was ich schreibe.
Ich habe erhebliche Einwände
und ein großes Unbehagen.
Aber was soll ich machen?
Ich kann halt mein Maul nicht halten
und schreibe auf, was ich denke.
Wenn euch das unangenehm ist:
Willkommen in meiner Welt.

Mal so gefragt

Was wollt ihr denn,
wenn nicht das Beste
für euch und die Euren
und sogar völlig Fremde?
Warum dann aber
nehmt ihr alles das hin,
was zum Schlechten drängt
und sogar zum Schlechtesten?
Warum haltet ihr still
und macht sogar mit?
Was habt ihr davon
Und warum genügt euch das?
Ich wollte, ihr wolltet
für euch und alle Besseres 
und vielleicht sogar das Beste.
Dann wäre es möglich.

Donnerstag, 9. Juli 2026

Donnerstag

Schon wieder Donnerstag.
Als ob das Leben 
aus nichts anderm bestände,
als zu vergehn.

Mittwoch, 8. Juli 2026

In dieser Zeit

Das Schweigen impliziert,
was über Bäume noch gesagt werden kann,
die gefällt wurden oder verbrannt wurden, 
als wären es Menschen gewesen.

Zeitgenossen

Während sie sterben müssen,
wollt ihr euren Spaß haben,
während sie an Hunger krepieren
und von Bomben zerfetzt werden,
habt ihr ein Recht auf Erholung
vom Mitmachen und Zuschaun,
braucht ihr fürchterlich dringend
Unterhaltung zur Zerstreuung.

Unmodern

Ihr habt die Zeichen der Zeit nicht erkannt und das ist ja wohl noch das Netteste an euch, dass ihr ausnahmsweise einmal einen Konformismus ...