Montag, 3. August 2026

Historische Moral

Das war damals eben so, sagen sie
und meinen: Da konnte man nichts machen.
Doch das war damals schon falsch
und ist es heute noch. Man kann
nämlich immer etwas machen.
Und wer nichts macht, macht immerhin mit.
Das ist schrecklich. Und schrecklich ist auch:
Wer etwas macht, kann dabei scheitern
und wird vielleicht zu Grunde gehn.
Wer sich aber mit allem abfindet
und das Böse zulässt, scheitert auch
und lässt alles zu Grunde gehn.

Sonntag, 2. August 2026

Bewältigung

Manche haben sich nicht gerade
mit Ruhm bekleckert, andre hingegen
wateten in Blut oder versanken
bis über beide Ohren im Sumpf
des Gehorsams gegenüber Verbrechern.
Als das alles wieder vorbei war,
war eigentlich keiner dabei gewesen,
hatte keiner freiwillig mitgemacht,
hatte keiner viel Schuld auf sich geladen
und niemand wollte erinnert werden
an all das, was er nicht getan hatte,
an das Zulassen und Wegschaum
und an das Mitmachen schon gar nicht.
Es war, wie es war, was hätte man
tun sollen, man musste doch, man hatte
doch seine Befehle, und alle andren,
nicht wahr, die waren doch auch keine Helden.
Und die Opfer, nun gut, die freilich
hätte es vielleicht nicht geben dürfen.
Aber zum Glück war man zufällig 
selber ja keines.

Samstag, 1. August 2026

Willkür

Sie gehen hin und sagen:
Der da muss sterben und der da
und der da auch. Irgendein Grund
lässt sich immer angeben
oder man lässt ihn auch weg
und mordet einfach so,
weil man es nun einmal kann.

Wen sie noch nicht ermordet haben,
der darf sich sagen: Aha,
so geht es hier also zu,
so ist hier die Ordnung,
an die ich mich halten muss,
der reine Wahnsinn derer,
die Gott spielen und Teufel sind.

Freitag, 31. Juli 2026

Achselzucken

Wenn nicht, dann nicht.
Ich bin doch nicht angewiesen
auf ein glückliches Leben.
Ich kann ebenso gut
um Gnade winseln.

Dienstag, 28. Juli 2026

Ach ja

Das darf doch nicht wahr sein.
Könnte man meinen.
Es ist aber wahr.
Um so schlimmer, nicht wahr,
für die Wirklichkeit,
wenn sie nicht ist,
wie sie sein soll.

Montag, 27. Juli 2026

Hilfspoetik

Schlechte Gedichte
sind ein schwacher Trost
für ein ungelebtes Leben.
Aber sie sind einer

Ladenhüter

Ich eröffne ein Verlustgeschäft
und handle mit Zitronen.
Meinen Bauchladen schnalle ich mir
auf den Rücken. Das wird schon.
Die Kasse lasse ich nur klingeln,
wenn ich gerade nichts verkaufe.
Kundschaft brauche ich keine,
ich bin selbst mein bester Kundschafter.
Werktags halte ich geschlossen,
wenn ich überhaupt offen habe,
ist sowieso ein Feiertag.
Der Umsatz ist mäßig. Aber
ich hole die Kosten wieder herein,
indem ich auf Zahlen verzichte.
Lasst mich nur machen. Das wird so:
Der Laden brummt. Die Bude ist voll.
Der Absatz schießt durch die Decke.
Demnächst eröffne ich eine Filiale
hinterm Mond und werde bestimmt
Unternehmer des Jahres 
vierzehnhundertdreiundfünfzig.
Dann ziehe ich mich zurück
und beschließe meine Tage
als Restposten.

Historische Moral

Das war damals eben so, sagen sie und meinen: Da konnte man nichts machen. Doch das war damals schon falsch und ist es heute noch. Man ka...