Donnerstag, 23. Juli 2026

Lehrgang

Dass ein Lächeln so viel mehr
als ein Lächeln sein könnte,
ist ein schöner Traum,
der, wohldosiert,
niemandem schadet.

Dass ein freundliches Wort
die Möglichkeit andeutete,
dass das Paradies auf Erden
erreichbar wäre, ist ein
gefährliches Missverständnis.
 
Dass eine zufällige Berührung
überhaupt nichts zu sagen hat,
muss man sich einreden,
um nicht zu Grunde zu gehn
an der schockierenden Einsamkeit.

Humanität

Komm her, ich will dir
den Kopf abschlagen,
damit es dir besser geht 
und du nicht mehr denken musst,
was verboten ist.

Vorübergehend

Weißt du denn überhaupt,
wie lieb ich dich haben könnte?
Mindestens so sehr wie irgendwer.
Vielleicht sogar sehr viel mehr.
Aber wie könntest du das wissen?
Ich werde es dir nie sagen,
du wirst es mich nie fragen,
wir sind einander fremd,
ich sehe dich zum ersten Mal,
du nimmst mich kaum wahr,
wir begegnen einander nie wieder.
Und doch weiß ich ziemlich genau,
dass du der für mich sein könntest,
den ich über alles lieb habe.

Mittwoch, 22. Juli 2026

Moralattacke

Macht's noch Spaß? Ist das Leben
immer noch die reinste Freude,
von keinem Gedanken angekränkelt
und nicht vom Gewissen vergällt?
Was da passiert, während du versuchst,
möglichst viel herauszuholen
und möglichst nichts mitzubekommen,
willst du gar nicht wissen.
Es kostet dich ja auch nur 
deine Menschlichkeit. Was soll's.

Dienstag, 21. Juli 2026

Endgericht

Sie werden ihre Chancen gehabt haben,
Gutes zu tun und Böses zu lassen.
Sie werden sich ihr eigenes Urteil
gesprochen haben mit ihren Taten 
und Unterlassungen. Mehr muss dann
eigentlich gar nicht mehr gesagt werden.

Totenrede

Sie gehen sinnlos zu Grunde,
und kein Mensch, keine höhere Macht
lässt sich darauf ein, ihnen zu helfen,
im Gegenteil, Menschen stoßen Menschen
in Abgründe der Grausamkeit,
lassen ganz beiläufig zu,
dass gelitten und verreckt wird.
Wenige erheben Einspruch,
versuchen zu lindern, verzweifeln.
Doch die meisten sind derweil damit
ausgiebig beschäftigt, mitzutun
bei dem, was nicht getan werden darf,
und sich zur dringend nötigen
Erholung reichlich abzulenken
Gott kann nichts machen. Die Menschen
wollen es so, sie wollen einander
entrechten, quälen, vernichten.
Sie zerstören die Erde und verachten
jeden Himmel außer dem erfundenen.
Gott lässt zu, dass die Hölle
von Menschen für Menschen
schon auf Erden errichtet wird,
dass alles keinen Sinn hat, 
dass das Gute so schwach ist
und mitgerissen wird in den Wirbel
des Bösen. Wann kommt das Ende?
Nur das Ende kann noch trösten,
nur die Vergänglichkeit der Gemeinheit,
die jetzt herrscht, aber gewiss nicht
in alle Ewigkeit.

Alternativlosigkeit

Alle wissen immer
von zuverlässiger Seite,
dass sie im Recht sind.
Zudem könnten sie gar nicht
anders handeln, als sie handeln,
da seien Sachzwänge,
größere Zusammenhänge,
höhere Mächte am Werk.
Was sie täten, müssten sie tun,
und sie täten es gern,
dem Gemeinwohl verpflichtet
und völlig reinen Gewissens. 

Sie lügen. Umso unverschämter,
je mehr ihnen klar sein müsste,
dass jeder weiß, dass sie lügen.
Sie wissen es auch und leugnen es,
sie belügen sich selbst und
können zum Schluss Wahrheit
und Lüge nicht mehr unterscheiden,
wollen das auch gar nicht,
denn was nützte ihnen das?
Sie werden so oder so das tun,
was sie einfach tun wollen.
Zum Nachteil für alle.

Lehrgang

Dass ein Lächeln so viel mehr als ein Lächeln sein könnte, ist ein schöner Traum, der, wohldosiert, niemandem schadet. Dass ein freundli...