Montag, 27. Juli 2026

Hilfspoetik

Schlechte Gedichte
sind ein schwacher Trost
für ein ungelebtes Leben.
Aber sie sind einer

Ladenhüter

Ich eröffne ein Verlustgeschäft
und handle mit Zitronen.
Meinen Bauchladen schnalle ich mir
auf den Rücken. Das wird schon.
Die Kasse lasse ich nur klingeln,
wenn ich gerade nichts verkaufe.
Kundschaft brauche ich keine,
ich bin selbst mein bester Kundschafter.
Werktags halte ich geschlossen,
wenn ich überhaupt offen habe,
ist sowieso ein Feiertag.
Der Umsatz ist mäßig. Aber
ich hole die Kosten wieder herein,
indem ich auf Zahlen verzichte.
Lasst mich nur machen. Das wird so:
Der Laden brummt. Die Bude ist voll.
Der Absatz schießt durch die Decke.
Demnächst eröffne ich eine Filiale
hinterm Mond und werde bestimmt
Unternehmer des Jahres 
vierzehnhundertdreiundfünfzig.
Dann ziehe ich mich zurück
und beschließe meine Tage
als Restposten.

Bleibeperspektive

Es gibt keinen Ort,
an den man flüchten könnte,
überall sind die schon da,
die man fliehen möchte,
überall herrscht, was nicht sein soll,
Zerstörung und Wahn,
was man auch Fortschritt nennt,
Und das völlig zu Recht.
Denn allen geht es prächtig.
Wem es noch nicht prächtig geht,
dem wir es bald prächtig gehen.
Doch seltsamerweise
wissen alle den Wert,
weil alles gehandelt wird,
aber sie kennen denn Preis nicht,
den die Dinge bezahlen,
die Pflanzen und Tiere
und vor allem die Menschen,
die sinnbegabten Wesen,
denen ihre Begabung
so reichlich abhanden kam.
Ist man selbst denn so anders?
Man müsste es wohl
erst in Ruhe erforschen.
Allein möchte man sein 
mit den Verlusten, der Trauer
und der ersterbenden Freude
am Unvergänglichen.

Sonntag, 26. Juli 2026

Bestandsaufnahme

Da fehlt das Gesicht. Irgendwie
wurde es wohl weggerissen.
Dort fehlen Arme und Beine.
Viel Blut ist hier, viel zu viel Blut.
Manchmal weiß man nicht so recht,
wo hört ein Körper auf,
wo fängt ein anderer an.
Das waren Menschen. Man darf 
gar nicht daran denken. Man muss
es aber immerzu.

Sonntagsrede (II)

Ja, macht nur.
Lebt nur eure Leben,
wie ihr eich einreden lasst,
dass ihr sie leben wollt.
Ich hätte vieles dagegen,
aber ich kann nichts machen.
Also nur zu,
macht weiter so,
auf den Abgrund zu.
Ich stehe eurem Glück
bestimmt nicht im Wege.
Lasst euch unterdrücken,
ausbeuten, macht mit
bei der Ausbeutung anderer
und der sogenannten Natur,
nehmt Vergeudung, Vergiftung,
irreparable Beschädigung
und letzte Zerstörung
einfach so hin,
um so leben zu können,
wie es euch gefallen soll,
so satt und behaglich,
so gut unterhalten
und herrlich abgelenkt
und manchmal im Rausch.
Während Hunger und Krieg 
anderswo stattfinden.
All das Unrecht in der Welt,
also um euch herum,
hat ja mit euch nichts zu tun.
Und selbst wenn es so wäre:
Ihr habt ein Recht darauf,
Spaß zu haben und wegzuschaun.
Lebt eure Leben,
als wäre nichts,
dann ist da auch nichts,
und ihr könnt zufrieden
mit euch und eurem Leben
eines schönen Tages
erst in die Grube
und dann zur Hölle fahren.
Was sollte ich dagegen haben?

Samstag, 25. Juli 2026

Admonitio ad me ipsum

Denkst dir halt immer,
kannst ja noch warten,
hast ja noch Zeit.
Einen Scheiß hast.
Morgen tot sein kannst du.
Was du nicht sofort
endlich angehst,
nicht hier und jetzt
wirklich tust und machst,
wirst du womöglich
nimmermehr ―

Freitag, 24. Juli 2026

Wildwuchs

Der Brombeerstrauch erzählt
schlimme Geschichten. Doch damit
will er nur Eindruck schinden.
Und was eigentlich zählt,
ist seiner Früchte Süße.

Hilfspoetik

Schlechte Gedichte sind ein schwacher Trost für ein ungelebtes Leben. Aber sie sind einer