Dienstag, 21. Juli 2026

Endgericht

Sie werden ihre Chancen gehabt haben,
Gutes zu tun und Böses zu lassen.
Sie werden sich ihr eigenes Urteil
gesprochen haben mit ihren Taten 
und Unterlassungen. Mehr muss dann
eigentlich gar nicht mehr gesagt werden.

Totenrede

Sie gehen sinnlos zu Grunde,
und kein Mensch, keine höhere Macht
lässt sich darauf ein, ihnen zu helfen,
im Gegenteil, Menschen stoßen Menschen
in Abgründe der Grausamkeit,
lassen ganz beiläufig zu,
dass gelitten und verreckt wird.
Wenige erheben Einspruch,
versuchen zu lindern, verzweifeln.
Doch die meisten sind derweil damit
ausgiebig beschäftigt, mitzutun
bei dem, was nicht getan werden darf,
und sich zur dringend nötigen
Erholung reichlich abzulenken
Gott kann nichts machen. Die Menschen
wollen es so, sie wollen einander
entrechten, quälen, vernichten.
Sie zerstören die Erde und verachten
jeden Himmel außer dem erfundenen.
Gott lässt zu, dass die Hölle
von Menschen für Menschen
schon auf Erden errichtet wird,
dass alles keinen Sinn hat, 
dass das Gute so schwach ist
und mitgerissen wird in den Wirbel
des Bösen. Wann kommt das Ende?
Nur das Ende kann noch trösten,
nur die Vergänglichkeit der Gemeinheit,
die jetzt herrscht, aber gewiss nicht
in alle Ewigkeit.

Alternativlosigkeit

Alle wissen immer
von zuverlässiger Seite,
dass sie im Recht sind.
Zudem könnten sie gar nicht
anders handeln, als sie handeln,
da seien Sachzwänge,
größere Zusammenhänge,
höhere Mächte am Werk.
Was sie täten, müssten sie tun,
und sie täten es gern,
dem Gemeinwohl verpflichtet
und völlig reinen Gewissens. 

Sie lügen. Umso unverschämter,
je mehr ihnen klar sein müsste,
dass jeder weiß, dass sie lügen.
Sie wissen es auch und leugnen es,
sie belügen sich selbst und
können zum Schluss Wahrheit
und Lüge nicht mehr unterscheiden,
wollen das auch gar nicht,
denn was nützte ihnen das?
Sie werden so oder so das tun,
was sie einfach tun wollen.
Zum Nachteil für alle.

Anachoretisches

Aber ich gehörte nicht dazu.
Für mich war das noch nie etwas.
Im Gegenteil, es stieß mich ab.
Also stand ich abseits und war still.
Irgendwann begriff ich, was ich
zuvor nur nur geahnt hatte,
dass ich alles anders wollte,
das aber von den anderen
nie würde bekommen können.
Also musste ich alleine bleiben.
Mich davon stehlen. Ausbleiben.
Man hörte nichts mehr von mir. Doch 
statt zu schweigen, tat ich ich den Mund auf,
in meiner Einsamkeit sang ich,
stimmte zwar in keinen Chor ein,
es wäre denn ein himmlischer,
aber ich sang, zum ersten Mal sang ich,
sang nur für mich und den,
der immer unweigerlich zuhört,
meine seltsamen Gesänge.

Sonntag, 19. Juli 2026

Brotlose Kunst

Er gab sich bescheiden und war es auch,
er musste es sein, denn was er hatte,
war auch schon alles, was es gab,
mehr war einfach nicht zu bekommen,
nicht für Geld und gute Worte.
Also sparte er sich jeden Vers
vom Munde ab, verzichte auf Reime 
und hielt sich beim Rhythmus zurück.
Der einzige Luxus, den er sich leistete,
worauf er nie im Leben verzichtet hätte,
waren Gedanken. Daraus machte er,
notgedrungen, seine Gedichte.

Grazioso

Und ging untadelig daraus hervor,
als wäre nichts gewesen, nur eben
eine Anfechtung, rasch ausgefochten
mit scharfer Klinge und wie nebenher,
aber in vollem Ernst und keineswegs 
leichtfertig. Welche Anmut des Herzens!

Mittwoch, 15. Juli 2026

Vox populi

Neuerdings weiß ich aus sicher Quelle,
dass es nicht gut um mich steht. Ich bin 
ein Dummkopf, ein Wirrkopf,
einer, dem man ins Hirn geschissen hat,
ein Troll zumal, ein bezahlter Agent,
ein armer Irrer, ein gefährlicher Spinner,
ein Ignorant und ein Besserwisser,
jemand, der das Maul halten soll,
ein unerträglicher Narr,
nicht ernst zu nehmen, eine Witzfigur,
aber auch ein Brandstifter,
ein Brunnenvergifter, ein Schwätzer,
ein Hetzer, ein Hasser, ein Gutmensch,
ein Terroristenunterstützer,
ein Kommunist, ein Faschist,
so ein linksgrüner Scheißliberaler,
eine Drecksau, ein armes Schwein,
ein Schweinchen Schlau, einer,
der sich wohl für was Besseres hält,
ein Störenfried, der noch sehen wird,
was er davon hat, so zu reden,
einfach das Allerletzte, was soll man
zu so einem noch sagen?
Der ist nichts, der kann nichts,
so einer muss weg, zur Not
müsste man nachhelfen. Ein bisschen.

Endgericht

Sie werden ihre Chancen gehabt haben, Gutes zu tun und Böses zu lassen. Sie werden sich ihr eigenes Urteil gesprochen haben mit ihren Tat...