Sonntag, 15. März 2026

Poetischer Moment

Aus einiger Entfernung
sehe ich zwei junge Männer
die Straße hinuntergehn,
sehe sie nur von hinten,
höre sie reden,
verstehe aber kein Wort.
Und trotzdem bin ich 
irgendwie glücklich.

Fortschrittlichkeit

Das wäre geschafft.
Bis in Teufels Küche
sind wir schon mal gekommen.
Nun wäre es vielleicht gut,
endlich herauszufinden,
wie wir um Himmels willen 
wieder hinausfinden.

Gemeinsamkeit

Wir fürchten kein Unheil,
das wir jemandem antun.
Was soll man machen?
Irgendetwas muss ja geschehn.
Und besser als einem selbst 
widerfährt es den andern.

Hoffnungslos

Unser tägliches Blut
komme auf uns. Auf ewig
laste unsre Schuld auf uns
und die der andern. Darum
lassen wir uns verführen
von allem Bösen und
befriedigen erbarmungslos 
vergebliche Gelüste.

Sonntag, 8. März 2026

Gnadenhalber

Ich will aber gar nicht glücklich sein.
Unter den herrschenden Bedingungen
ist Glück Verrat am Unglück 
der Leidenden und Erniedrigten,
der Betrogenen und Ausgebeuteten,
der Unterdrückten und Zerstörten.
Wütend und hasserfüllt will ich sein,
unversöhnt mit der Niedertracht 
dieser Welt bis über den Tod hinaus.

Donnerstag, 5. März 2026

Einmal geht’s noch

Ich hätte da so einen Vers,
aber ich weiß gar nicht,
ob ich ihn noch vorbringen soll.
Schön ist er nicht, schlau
auch nur mäßig. Doch immerhin
sagt er viel über mich.
Und damit ist dann auch die Welt 
irgendwie auf den Punkt gebracht.

Poesiefabrik

Früher kostete mich jeder Vers,
jeder einzelne gottverdammte Vers,
literweise Blut, Schweiß und Tränen.
Heutzutage aber schüttle ich
ganze Gedichte aus dem Ärmel,
als wären es gezinkte Spielkarten.
Einfach so und weil ich es eben kann.
Ein Schulterzucken, ein Fingerschnippen
und ein müdes Lächeln: Schwuppdiwupp
ist der Zaubertrick schon wieder vorbei,
das Kaninchen zurück im Zylinder,
und die eben noch zersägte Jungfrau
serviert kalten Kaffee. Das Publikum
langweilt sich bestimmt fast zu Tode,
weil es gar nicht gut aufgepasst hat 
und eigentlich nur aus mir selbst besteht.
Wie auch immer. Was wollte ich sagen?
Ach ja, richtig. Und da steht es auch schon:
Ich schreibe zu viele Gedichte.

Poetischer Moment

Aus einiger Entfernung sehe ich zwei junge Männer die Straße hinuntergehn, sehe sie nur von hinten, höre sie reden, verstehe aber kein ...