Sonntag, 29. März 2026

Epische Skizze

Sie sprachen und sprachen
die Nachrichten und Nachrichten,
als sei heute ein Heute gewesen
und gäbe es morgen ein Morgen.
Die Verrohung war grenzenlos.
Beim Lügen musste keiner mehr
sich Mühe geben. Unverschämt
konnte man sich erwischen lassen
und mit allem davonkommen.
Die anderen ließ man verrecken.
Auf die Zukunft schiss man,
malte sie bunt an und ließ
die Leute sie fressen, gegen Bezahlung.
Alle wollten dabei sein. Viele
versteckten sich in Süchten,
Ticks und Marotten. Albtraumhaft
war die Normalität ganz normal.
Derweil ging die Welt unter.
Das sagten sie schon und zeigten
die vielen Bilder dazu.
Selbst die Gierigen gähnten 
in tödlicher Langeweile.
So weit die Nachrichten.
Und nun zum Wetter.

Mittwoch, 25. März 2026

Bonum et pulchrum convertuntur

Um noch einmal zurückzukommen
auf Zypressen und bröckelnde Mauern:
Darüber schriebe ich sehr gerne,
auch sozusagen Verse, aber
irgendwie lenkt mich das Leben ab
vom Heimweh nach gestern. Ich irre hin
zum Jetzt und Gleich und Hier und Dort,
wo meine Mitmenschen Opfer sind,
Täter und Zuschauer, aber ich 
ein nutzloser Warner und Ankläger.
Mehr Kunst kann ich unter Umständen
dann eben nicht.

Lehrreiche Geschichte

Es war einmal ein Scheusal,
das trug meinen Namen
und wohnte unter meiner Anschrift.
Es schrieb, was ich schrieb,
weil es dachte, was ich dachte.
Das wollten die Leute nicht hören
und erschlugen das Scheusal.
Wäre ich bloß beizeiten verstummt
oder wenigstens umgezogen.

Verlorener Restposten

Die Sehnsucht nach Güte verlässt mich nie,
nach Freundlichkeit, Brüderlichkeit,
nach menschlicher Wärme.
Der Kälte und Gleichgültigkeit,
der Lust an der Bösartigkeit
bringe ich Abscheu entgegen und Wut.
So bin ich und so will ich bleiben
in dieser Welt, die es darauf anlegt,
sich und mich und alles restlos 
zu entmenschlichen.

Wie es ist

Man möchte verzweifeln,
so wie die Dinge liegen,
aber man verbietet es sich,
um dem Dummen und Bösen
nicht zu allem Überdruss auch noch
die Macht zuzugestehn,
einen kleinzukriegen.
Dass alles beschissen ist.
ist noch lange kein Grund,
nicht Haltung zu bewahren
und über den Dingen zu stehn,
die einen fertig machen wollen.
Katastrophen kommen und gehn,
aber Demut und Anstand 
bleiben für immer bestehn.
Gestehe Kunst, dass es so ist.

Donnerstag, 19. März 2026

Verwässerte Kante

Sagen wir mal so: Die Brandung
war auch schon mal gefährlicher
und kostetet irgendwen mehr.
Da lachen ja die Möwen
und der Sand kugelt sich.
Kein Krabbenbrötchen der Welt
macht das wieder wett. Schiffstaufen
verführen zu falschen Vergleichen.
Nicht alles, worauf ein Preisschild klebt,
ist auch wirklich was wert. Weiter so.
Strandhafers heimliche Liebe
verwickelt die Abfallkörbe 
in Widersprüche. Muss das sein?

Mittwoch, 18. März 2026

Selbsteinschätzung

So schlecht ist das gar nicht,
was ich mache, nur nicht
gut genug, um die Welt 
zu verbessern. Schade.

Ästhetische Revolution

Nimm die Welt nicht hin,
sondern wahr, wie sie ist,
und bedenke dabei, 
wie sie sein könnte.

Weise Voraussicht

Nun, wie gesagt, wer bin ich schon,
um die Welt verändern zu wollen
nur mit Wörtern, die andre
beherzigen sollen. Welche
Anmaßung, welch irrsinniger 
Glaube an die Macht der Vernunft.
Daran muss ich ja scheitern.

Dienstag, 17. März 2026

Weltsicht

Mir gehört die ganze Welt.
Aber ich nutze nur einen Teil davon.
Und gar nicht einmal den besten.

Eingeständnisse

Ich habe den Reichen und Mächtigen
nichts entgegenzusetzen als die Wahrheit,
meine Wahrheit, die sie zu wenig bedroht,
sonst wäre ich ganz bestimmt schon längst
zum Schweigen gebracht worden.
 
Ich habe den Elenden dieser Welt
nichts vorzuschlagen als die Wahrheit,
meine Wahrheit, die sie leider nicht kennen,
sonst hätten sie doch ganz bestimmt
die Welt schon längst verbessert.

Vier Jahreszeiten V

Sommer: Was soll ich sagen?
Eine einzige Durststrecke,
die nicht aufhören will,
mich zu quälen. Die Hitze,
das drückende Licht,
die Lähmung des Denkens.
Dazu das sinnlose Fleisch,
das sich allenthalben darbietet
und entzogen bleibt.
Alles ist mühsam und dumm.
Nur an Regentagen atme ich durch 
und hoffe auf baldigen Herbst.

Vier Jahreszeiten IV

Sie nennen es Frühling.
Ich nenne es Belästigung
mit der Geilheit der Pflanzen,
die einem ihre Geschlechtsteile
über all unter die Nase reiben.
Was geht mich das an,
dass sie sich fortpflanzen müssen?
Warum muss ich leiden 
an Augenjucken und Niesen,
wenn sie sich einen runterholen,
sobald die Sonne scheint?

Vier Jahreszeiten III

Am Frühling liegt mir nichts.
Mir ist das alles zu brünstig,
all das Sprießen und Blühn,
diese Gier, sich zu vermehren,
diese halbgaren Temperaturen,
die weichliche Sonne.
Ich vermisse die Klarheit
des Winters, seine Kraft
und Kompromisslosigkeit. 
So ein Frühling ist doch bloß
ein kindischer Sommer.

Vier Jahreszeiten II

O köstlicher Herbst,
du mit deinem Verfall überall
und Tod, mit dem Duft
von Fäulnis und Verwesung.
Golden glühn jetzt die Wälder 
und es ist kühl, herrlich kühl,
was dem Denken gut tut.

Vier Jahreszeiten I

Was haben de Leute nur immer
gegen den Winter? Ist doch schön,
wenn endlich alles mal grau ist
oder sogar weiß. Wenn nur selten
grelles Licht ein blendet
und die Kälte gewisse
Zurschaustellungen unterbindet.
Was wäre behaglicher
als Heizung und gedämpftes Licht?
Ein Winter, ein richtiger Winter,
so mit Eis und Schnee und so,
ermöglicht ohne viel Aufwand
die Besinnung aufs Wesentliche.
Das ist es. Das haben die Leute 
gegen den Winter. Ich nicht.

Geburtstagsständchen

Habe ich schon gelebt
oder muss ich das noch
und wie lange?
 
Was heißt zu leben,
wenn überall der Tod
fröhliche Urständ feiert?
 
Was soll das überhaupt
für ein Leben sein,
in dem das Unrecht
und die Dummheit
weiterexistieren, 
obwohl man das nicht will?
 
Quicklebendig 
wäre wohl anders
als die Unwürdigkeit
des Alters und der Schrecken
der Sinnlosigkeit.
 
Wie gesagt: 
Geht das noch lange so?

Sonntag, 15. März 2026

Poetischer Moment

Aus einiger Entfernung
sehe ich zwei junge Männer
die Straße hinuntergehn,
sehe sie nur von hinten,
höre sie reden,
verstehe aber kein Wort.
Und trotzdem bin ich 
irgendwie glücklich.

Fortschrittlichkeit

Das wäre geschafft.
Bis in Teufels Küche
sind wir schon mal gekommen.
Nun wäre es vielleicht gut,
endlich herauszufinden,
wie wir um Himmels willen 
wieder hinausfinden.

Gemeinsamkeit

Wir fürchten kein Unheil,
das wir jemandem antun.
Was soll man machen?
Irgendetwas muss ja geschehn.
Und besser als einem selbst 
widerfährt es den andern.

Hoffnungslos

Unser tägliches Blut
komme auf uns. Auf ewig
laste unsre Schuld auf uns
und die der andern. Darum
lassen wir uns verführen
von allem Bösen und
befriedigen erbarmungslos 
vergebliche Gelüste.

Sonntag, 8. März 2026

Gnadenhalber

Ich will aber gar nicht glücklich sein.
Unter den herrschenden Bedingungen
ist Glück Verrat am Unglück 
der Leidenden und Erniedrigten,
der Betrogenen und Ausgebeuteten,
der Unterdrückten und Zerstörten.
Wütend und hasserfüllt will ich sein,
unversöhnt mit der Niedertracht 
dieser Welt bis über den Tod hinaus.

Donnerstag, 5. März 2026

Einmal geht’s noch

Ich hätte da so einen Vers,
aber ich weiß gar nicht,
ob ich ihn noch vorbringen soll.
Schön ist er nicht, schlau
auch nur mäßig. Doch immerhin
sagt er viel über mich.
Und damit ist dann auch die Welt 
irgendwie auf den Punkt gebracht.

Poesiefabrik

Früher kostete mich jeder Vers,
jeder einzelne gottverdammte Vers,
literweise Blut, Schweiß und Tränen.
Heutzutage aber schüttle ich
ganze Gedichte aus dem Ärmel,
als wären es gezinkte Spielkarten.
Einfach so und weil ich es eben kann.
Ein Schulterzucken, ein Fingerschnippen
und ein müdes Lächeln: Schwuppdiwupp
ist der Zaubertrick schon wieder vorbei,
das Kaninchen zurück im Zylinder,
und die eben noch zersägte Jungfrau
serviert kalten Kaffee. Das Publikum
langweilt sich bestimmt fast zu Tode,
weil es gar nicht gut aufgepasst hat 
und eigentlich nur aus mir selbst besteht.
Wie auch immer. Was wollte ich sagen?
Ach ja, richtig. Und da steht es auch schon:
Ich schreibe zu viele Gedichte.

Mittwoch, 4. März 2026

Docta ignorantia

Was ihr alles wisst!
Jedenfalls glaubt ihr
zu wissen. Ich aber glaube 
nicht so recht an euer Wissen,
sondern weiß vielmehr,
ihr wisst noch gar nicht,
was ihr wissen müsstet,
damit ich euch glauben könnte.

Influencer

Manchmal träumt mir, ich sei jemand,
ich sei wichtig, auf mich werde gehört,
mein Wort gelte etwas in der Welt,
ich träfe berühmte Leute
und spräche mit ihnen von Gleich zu Gleich.
Dann wache ich auf und bin froh, 
dass ich so unbedeutend bin.
Man stelle sich vor, ich hätte Einfluss,
und die Welt wäre immer noch
so beschissen, wie sie eben ist.
Was sagte das über mich?

Dienstag, 3. März 2026

Lehre

Auf ein Glück hoffend,
das einem gnadenhalber
verwehrt bleiben muss,
hätte man wohl eine Chance 
auf ein bisschen Seligkeit,
wenn man nur wüsste,
wem man glauben kann.

Bisheriger Ertrag

Ich ergebe mich nicht
dem Gefühl der Mickrigkeit
angesichts der Übermacht
der Freunde und Feinde
und mangelnden Zuschauer.
 
Ich bestreite ja gar nicht
mein Leben mit so einem
sogenannten Erfolg.
 
Mir gereicht die Verachtung
zur Ehre, die ich gewohnt bin,
derlei Zugeständnissen
entgegenzubringen. 
 
Denn mir geht es um anderes.
Und daran scheitere ich.
 
Wie soll man aber auch die Welt
mit nichts als nur Wörtern
verbessern, wenn schlechterdings
keiner zuhören will?
 
Hört auf, nicht auf mich zu hören,
dann werdet ihr schon sehn,
was ihr letztlich davon habt:
Etwas Besseres als den Tod 
auf jeden Fall. Glaube ich.

Was auch immer das heißt

Da ist etwas, was man nicht weiß, aber sagen kann, wenn man es kann, aber nur mit einem Gedicht.