Samstag, 29. August 2026

Deren Gerede

Was wissen diese Leute schon
über mich, dass sie es wagen
dürften, über mich zu reden?
Keinen Mucks will ich hören. Sie
sollen ihre frechen Mäuler
gefälligst geschlossen halten.
Ich gehe sie nichts an. Außer
sie wollen mir Recht geben. Dann
selbstverständlich dürfen sie gern 
reden und dann wieder schweigen.

Liebeslied

Mach dir mal bloß keine Hoffnungen,
sage ich zu mir selbst,
was du bisher nicht hingekriegt hast,
wirst du auch diesmal nicht hinkriegen.
Bilde dir bloß nicht ein,
diesmal werde ein Wunder geschehn.
Aber ja, du wirst dich verlieben,
wirst an einen dein Herz hängen und
wirst glühn und erblühn und
ihm wird es egal sein.
Oder lästig. Und du wirst leiden,
wie du noch immer gelitten hast
an deinen Männern. Mach dich gefasst
auf Tränen und Tagebücher. Du
wirst einsamer daraus hervorgehn,
als du jetzt bist. Glaube nur ja nicht,
auch du habest mal ein bisschen Glück
verdient. Gar nichts hast du.
Du wirst scheitern. Das steht schon mal fest.
Aber mach nur. Nur mach eines nicht,
mach dir mal bloß keine Hoffnungen.

Mittwoch, 26. August 2026

Gesamtsituation

Das alles ist Gift für mich.
Das alles lähmt mich.
Das alles bringt mich ins Grab.
Das alles ist genau so,
wie ihr es haben wollt.

Sonntag, 23. August 2026

Schwächliches Aufbegehren

Die Schrumpfköpfe besagen noch gar nichts.
Aber die Zielvorgabe ist ja klar.
Wenn die Ziegen aus dem Ruder laufen,
müssen auch alle Kochtöpfe schweigen.
Zumal die alten Spangen die Schlangen
nicht halten können, auch donnerstags nicht,
viel zu schwer wiegen die Redensarten,
da ist nicht zu machen, sonst geraten
Ballen und Bällchen rasch in Schieflage
und die Hirten ins Schwimmen. Das aber 
kann keiner wollen. Auch kein schwarzes Schaf.
Es ist also ausgemacht, alles bleibt,
wie es niemals war, auch donnerstags nicht.

Ende der Kindheit

Ich bin nicht erwachsen geworden,
nur alt und schwer, auch nicht reifer,
sondern nur gewitzter darin,
die Zumutungen abzuwehren,
die alle für mich bereit halten.
Unvermeidlich ist nur der Tod,
nicht aber die Niederlage,
die in der Anpassung besteht.
Ein Kind zu bleiben ist einfach,
wenn man nichts anderes kann.

Samstag, 22. August 2026

Eigenbrötler

Eure Künste kann ich nicht.
Kann nur meine Kunst.
In der bin ich Meister.
Aber ihr kennt sie nicht.

Hochstapler

So war es nie gewesen.
Er hatte sich das immer nur
vorgestellt und es schließlich
für wirklich gehalten. Hatte
Wahrheit und Phantasieren
nicht mehr auseinander halten
können. Und auch nicht wollen.
Nicht aus böser Absicht. Vielmehr
aus ganz unschuldiger Lust
an einem besseren Leben.

Altlast

Dies ist mein Leib.
Will sagen: Dieses Wrack
schleppt mich schon viel zu lange
durch dieses Leben.
Gerade so eben
noch erträglich und fast schon
im Abgang begriffen.
Wenn ich recht daran denke,
war mein Gefährte mir immer
auf vertraute Weise fremd.
Kein Angebot für andre,
nur lästige Nachfrage
an mich selbst. Das geht so dahin
und wird gehn, bis er mich
eines schönen Tages
in die Grube fahren lässt.
Dann wird er schön staunen,
ist zu hoffen, dass, während er
den Würmern ein Fraß wird,
meine Seele gen Himmel strebt.

Mittwoch, 19. August 2026

La vida loca

Ach könnte man doch bloß
sich kaputt lachen 
über sich selbst. Aber wer
versteht schon die Pointe?

Begebenheit

Leider habe ich Vieles
in meinem Leben verpasst.
Aber dir bin ich begegnet.
Hat mir auch nichts gebracht.

Gedicht

Er hatte vergessen, wer er war,
wie er aussah und was er wollte.
Niemand konnte es ihm sagen,
obwohl alle es wussten,
denn er verstand keine Sprache mehr.
Also geschah gar nichts,
und sein Name ist nicht überliefert.

Dienstag, 18. August 2026

Feldstudie

Da war nichts zu machen.
Ich musste draufgehn.
Ihr wart in der Überzahl
und ich nur ein Einzelner.
Es hätte nichts gebracht,
euch zur Aufgabe
überreden zu wollen,
ihr wart längst Argumenten
gar nicht mehr zugänglich.
Also griff ich euch an.
Es kostete mich mein Leben,
nicht wie ihr sein zu wollen.

Extremismusverdacht

Niemals darf man Partei ergreifen
für die Mittelmäßigen. Sie ziehn
einen hinunter, lähmen einen
und impfen einem ihre Schwäche 
ein bis ins Mark. Man schüttle sie ab.
Nur wer das Äußerste will und wagt,
kann überhaupt Rettung erwarten.
Denn Halbherzigkeit bringt nur Unglück,
alle Gnade aber ist maßlos.

Machbarkeitsstudie

Es wäre machbar gewesen.
Aber nicht mit euch. Ihr wart
die Falschen für diesen Kampf.
Zu kleinmütig, zu träge,
zu knauserig, zu beschränkt.
Einfach nicht die Richtigen
für diese Revolution.
Immer nur Teil des Problems,
aber niemals der Lösung.

Montag, 17. August 2026

Die Unschuld des Krokodils

Das Meer frisst das Land
und denkt sich nichts dabei.
Die Leute haben ihren Spaß
am Strand, weil sie verkennen,
dass jedes einzelne Sandkorn
ein Grabstein sein muss.
Das Meer ist ein Friedhof
und verdaut sorglos
alles und jeden.

Sonntag, 16. August 2026

Anspruchsdenken

Ein fliegender Teppich
ist ja wohl das Mindeste,
was mir zusteht, zudem
eine Wunderlampe und
eine Höhle voller Schätze.
Das darf man ja wohl erwarten
als Prinz aus dem Orient,
der ich hätte sein müssen
seit meiner Kindheit.

Samstag, 15. August 2026

Alternative Szenarien

Haben die anderen Recht,
bin ich zum Unglück verdammt.
Habe ich aber Recht,
haben die andern ihre Chance 
schon so ziemlich verpasst.

Kernfrage

He, ihr da, sagt doch mal bitte,
warum nehmt ihr eigentlich alles hin 
und macht sogar noch dabei mit?
Habt ihr irgendeinen Plan,
den ich schlicht nicht kapiere?
Oder seid ihr einfach nur dumm?

Gute Gelegenheit

Auch das werde ich noch verkraften,
auch davor werde ich nicht einknicken,
auch damit werde ich irgendwie umgehn.
Legt dir das Leben Steine in den Weg
und wirft die Knüppel zwischen die Beine,
mach Limonade daraus.

Gnothi seauton

In den gefährlichen Ecken 
des irdischen Daseins lauert
das Elend der Selbsterkenntnis.
Dort sollte man auf keinen Fall
anders als alleine hingehn.

Donnerstag, 13. August 2026

Eigengewicht

Kein Kind mehr zu sein,
nicht mehr wehrlos zu sein
gegen die Zumutung,
tun und lassen zu sollen,
für wahr halten zu sollen
und wollen zu sollen,
was alle sollen,
sondern das abzuschütteln
und mein Ding zu machen
und die Folgen zu tragen,
die die Freiheit eben hat,
das geht immer noch gut.

Mittwoch, 12. August 2026

Wie es dazu kommen konnte

Ein paar waren fest überzeugt,
ein paar waren begeistert,
ein paar wollten verführt werden,
ein paar ließen sich überreden,
ein paar versprachen sich etwas davon,
ein paar hatten ein Unbehagen,
ein paar warteten noch ab,
ein paar hielten still,
ein paar fanden sich darein,
ein paar machten mit,
ein paar taten sich hervor,
ein paar hatten keine Bedenken,
ein paar waren dann doch beeindruckt,
ein paar mussten anerkennen,
ein paar ließen sich mitreißen,
ein paar ergriffen die Gelegenheit,
ein paar kamen irgendwo unter,
ein paar wussten von nichts,
ein paar wollten nichts wissen,
ein paar durften auswandern,
ein paar mussten fliehen,
ein paar dachten an Widerstand,
ein paar waren unpolitisch,
ein paar konnten nichts machen,
ein paar schauten weg,
ein paar taten nur ihre Pflicht,
ein paar hatten ihren Spaß,
ein paar erwarteten nichts mehr,
ein paar befürchteten das Schlimmste,
ein paar hielten durch,
ein paar setzten sich ab,
ein paar verloren alles,
ein paar blieben übrig,
viele mussten sterben,
niemand übernahm die Verantwortung.

Dienstag, 11. August 2026

Schulkollegen

Ihr konntet gar nicht wissen,
dass ihr gewinnen würdet,
und wusstet es doch. Was sonst
hätte ihr tun sollen,
als eure Leben zu leben,
euren Bahnen zu folgen,
zu denen zu werden, die ihr
nun einmal sein musstet.
Wir waren immer sehr, sehr
verschieden. Und eure Chance,
mir ein bisschen zu ähneln,
habt ihr mitnichten genützt.

Montag, 10. August 2026

Der arme Poet

Er flüchtete sich,
sooft er nur konnte,
in seine Gedichte. 
Meist konnte er nicht.

Elegie

Die Welt könnte so schön sein.
Das weiß ich. Sie ist es aber nicht.
Das weiß doch jeder. Der hinsieht.
Zu viele Menschen leiden
und zu vieles ist kaputt.
So ist das eben. Und jetzt?
Was soll ich machen? Gedichte?
Wer liest die denn schon und
welche Schlüsse sollte er ziehen?
Dass alles anders werden müsste,
wenn die Welt schön sein soll.
Wie also singt man dem 
die notwendige Revolution?

Sommerimpression

Die Hitze will mich fertig machen.
Sie hat mich umzingelt, belagert mich,
brandet brüllend gegen meinen Leib,
Tag für Tag, Nacht für Nacht, immer
neue Temperaturrekorde
an mir zerbrechend. Sie will mich
keinen klaren Gedanken mehr fassen lassen,
mich in den Wahnsinn treiben, ich soll
alles verschwitzen, soll eingehn
in die dröhnende Stille, das Brüten
in Aspik, die Duldungsstarre.
Aber nicht mit mir. Ich halte Stand,
ich bin noch nicht fertig, stehe nicht still,
ich bewahre einen kühlen Kopf,
wenigstens innerlich, jedenfalls
denke ich nicht dran, mich aufzugeben
und an einer Jahreszeit zu scheitern.

Freitag, 7. August 2026

Mitläufer

Sie heulen mit den Wölfen.
Aber die Wölfe heulen gar nicht.
So heulen sie bloß mit denen,
die mit den Wölfen heulen.

Engelszunge

Ach, und das willst du auch noch,
das soll ich auch noch für dich machen,
wie mit einen Zauberspruch
die Befürchtung zerstreuen,
dass die Wirklichkeit wirklich
so übermächtig ist, wie sie scheint.
Alles hängt immer an mir.
Deine Wünsche soll ich erfüllen,
die großen, die kleinen,
als wäre ich dein Knecht.
Wünsch dir doch mich,
und zwar mich allein,
dann hättest du alles
und brauchtest mich nicht.

Donnerstag, 6. August 2026

Apokalyptische Szene

Das letzte Wort ist längst gesprochen,
wurde aber wohl nicht verstanden,
und jetzt steht es dumm rum, unschlüssig,
was es tun soll, was es tun kann, 
bis der Groschen fällt oder der Vorhang.

Abgesang

Alles verfällt.
Was an Neuem hinzukommt,
ist schon verfallen,
ist schon kaputt,
grell geschminkt auf unvermeidlich,
schon darum verrottet bis ins Mark,
verlogen, verstunken,
völlig verrückt,
von Geilheit und Gier diktiert,
von der Lust am Untergang,
an Zerstörung, an Unwissenheit,
an zu Tode Erinnern
des nie Gewesenen
eilfertig getrieben.
Was bleibt, ist Zufall,
ein erbärmliches Aufbäumen
wehrloser Gnade.

Montag, 3. August 2026

Historische Moral

Das war damals eben so, sagen sie
und meinen: Da konnte man nichts machen.
Doch das war damals schon falsch
und ist es heute noch. Man kann
nämlich immer etwas machen.
Und wer nichts macht, macht immerhin mit.
Das ist schrecklich. Und schrecklich ist auch:
Wer etwas macht, kann dabei scheitern
und wird vielleicht zu Grunde gehn.
Wer sich aber mit allem abfindet
und das Böse zulässt, scheitert auch
und lässt alles zu Grunde gehn.

Sonntag, 2. August 2026

Bewältigung

Manche haben sich nicht gerade
mit Ruhm bekleckert, andre hingegen
wateten in Blut oder versanken
bis über beide Ohren im Sumpf
des Gehorsams gegenüber Verbrechern.
Als das alles wieder vorbei war,
war eigentlich keiner dabei gewesen,
hatte keiner freiwillig mitgemacht,
hatte keiner viel Schuld auf sich geladen
und niemand wollte erinnert werden
an all das, was er nicht getan hatte,
an das Zulassen und Wegschaum
und an das Mitmachen schon gar nicht.
Es war, wie es war, was hätte man
tun sollen, man musste doch, man hatte
doch seine Befehle, und alle andren,
nicht wahr, die waren doch auch keine Helden.
Und die Opfer, nun gut, die freilich
hätte es vielleicht nicht geben dürfen.
Aber zum Glück war man zufällig 
selber ja keines.

Samstag, 1. August 2026

Willkür

Sie gehen hin und sagen:
Der da muss sterben und der da
und der da auch. Irgendein Grund
lässt sich immer angeben
oder man lässt ihn auch weg
und mordet einfach so,
weil man es nun einmal kann.

Wen sie noch nicht ermordet haben,
der darf sich sagen: Aha,
so geht es hier also zu,
so ist hier die Ordnung,
an die ich mich halten muss,
der reine Wahnsinn derer,
die Gott spielen und Teufel sind.

Psalm

Du fändest mich, wenn ich verloren ginge. Du machtest mich heil, wenn ich zerbräche. Und wenn ich dich verlöre, wärst du trotzdem da.