Montag, 21. Februar 2022

Ein anderer Wintermorgen

Vom Feld vor meinem Fenster her
höre ich das laute Krächzen
einer einzelne Krähe.
Es ist Sonntag. Wie es scheint,
ist heute sie dran mit Predigen.

Sonntag, 13. Februar 2022

Elend

Wenn man fliehen könnte,
ohne Ausflüchte zu machen, 
wenn man Stand halten könnte,
ohne gestellt zu werden,
gäbe es keinen Grund mehr dafür.
So aber versuch zu entgehen
oder wenigstens zu entkommen,
bis das Elend ein Ende hat.

Lichteinfall

Ich komme empor
und bringe ans Licht,
was ihr verbergen
und niederhalten wollt.
Mit mir beginnt
etwas Neues.

Freitag, 11. Februar 2022

Im Zug nach Rom

Die Schläfrigkeit der Menschen
morgens im Liegewagen
dämpft meine Stimmung.
Ich bin hellwach, ich weiß,
wohin die Reise geht:
Draußen, vorm Fenster,
das ist schon das Glück.

Montag, 7. Februar 2022

Zonenrand

Wo genau liegt die Grenze?
Wie weit darf man gehen?
Was kann man noch sagen?
Ab wann wird man erschossen?
Bei Nacht und Nebel gelten
Anstand und Höflichkeit
nichts mehr; nur Vorschriften.
Die Gesellschaft, ein Minenfeld.

Freitag, 28. Januar 2022

Fernweh

Wahrscheinlich, überlege ich jetzt,
bin ich niemals in Hamburg gewesen.
Wozu auch? Dort gibt es ja nichts.
Oder in Düsseldorf. Oder wie
hieß nochmal diese andere Stadt?
Hab ich vergessen. Vielleicht Berlin?
Könnte auch München gewesen sein.
Oder Köln. Man darf sich nichts vormachen:
Reisen bildet man sich nur ein.
Hinterher sowieso. Aber eben
auch schon währenddessen. Und davor.

Dienstag, 18. Januar 2022

Zukunftsperspektive

Es wird dann keinen von uns mehr geben,
nicht nur, weil wir selbstverständlich tot sein werden, 
sondern vor allem, weil es solche wie uns,
solche von früher, dann nicht mehr geben darf.
Der Mensch wird dermaßen verbessert sein,
dass wir kaum noch als seine Vorläufer 
in Betracht kommen können,
schon gar nicht als minderwertige Zeitgenossen.
Alles wird gut sein, jeder wird spuren,
ganz ohne Zwang, jeder wird fügsam sein,
weil nichts anderes mehr denkbar sein wird.
Was uns, unvollkommen wie wir noch sind,
als Hölle auf Erden erscheinen müsste, 
trägt dann den Namen Paradies 
und wird auch wirklich eines sein.
Aber natürlich nicht für solche wie uns.
Wir denken zu viel,
wir stellen zu viele Fragen,
wir wissen die richtigen Antworten nicht.
Wir tun nicht immer, was man uns sagt,
wir haben Vorlieben, die unnütz sind,
unsere Leidenschaften sind zu unkontrolliert.
In Zukunft würden wir nur stören,
Arbeit machen und Ressourcen verbrauchen.
Aber es gibt selbstverständlich eine Lösung
und sie ist schon beschlossene Sache.
Alles wird gut ohne uns.
Man wird uns abgeschafft, mehr noch:
für alle Zeiten unmöglich gemacht haben.
Das ist aber auch ein lächerlich geringer Preis,
finde ich, für ein nicht enden wollendes, 
für ein gnadenlos unendliches Glück.

Mitläufer

Sie heulen mit den Wölfen. Aber die Wölfe heulen gar nicht. So heulen sie bloß mit denen, die mit den Wölfen heulen.