Sonntag, 15. November 2020

Kenotaph

Wenn ich gestorben sein werde,
wird es hoffentlich heißen:
Das hatte er nicht verdient.
Sterben müssen wir alle, aber wir
hätten ihn nicht so leben lassen dürfen,
nicht so fern von uns allen.
Wir hätten auf ihn hören sollen.
Wir hätten ihn ernst nehmen sollen
in seiner Kritik an uns
und unseren Lebensweisen.
Er wollte andere Verhältnisse,
wollte Freiheit und Würde für jeden.
Das hatte er nicht verdient,
dass wir ihn ignorierten.
Den Spott und die Erfolglosigkeit
hielt er aus, aber er litt daran,
dass wir ihm nicht zuhörten,
dass wir ihn nicht verstanden
und gar nicht verstehen wollten.
Hätten wir ihm zugehört, hätten wir
vieles besser verstehen können,
vieles anders machen wollen
und so vieles anders gemacht.
Das hatte er nicht verdient.
Aber es ist nicht zu spät.
Jetzt endlich, da er tot ist,
wollen wir auf ihn hören,
wollen wir besser miteinander leben,
gemäß dem, was er sagte,
als er noch lebte. Er
hat Vorschläge gemacht. Wir
werden sie annehmen. So
wird es hoffentlich heißen,
wenn ich gestorben sein werde.
Aber wahrscheinlich eher nicht.

Montag, 26. Oktober 2020

Die Einheimischen hatten mich im Verdacht,
einer der Ihren zu sein. Ich meinerseits
blieb heimlich ein Fremder und freute mich
unheimlich über die ganz falsche Spur.

Samstag, 24. Oktober 2020

Mein Gedicht verspricht nicht
mehr, als es halten kann.
Das ist mir zu wenig.
Ich fange von vorne an.

Freitag, 2. Oktober 2020

Mir wissen die Leute zu viel.
Wenigstens reden sie so,
als ob sie was wüssten. Was aber
wissen sie wirklich? Und was
können sie überhaupt wissen?
Zu viel wird gewusst, meine ich,
was keiner zu wissen braucht.
Muss man denn, soll man, darf man
alles das wissen? Ich weiß nur:
Was gewusst zu werden wert wäre,
bleibt ohnehin ein Geheimnis.

Donnerstag, 24. September 2020

Knast

Aufkündigend den Mitgefangenen
die Gefangenschaft, nicht das Miteinander,
wandte er sich dem Ausgang zu, während
andere einander die Mauern
und Gitterstäbe schönredeten.
Findet euch ab, sagten sie, mit eurer Haft,
es gibt nichts anderes. Er aber war
in Gedanken immer schon draußen.

Europa, Epigramm

Keineswegs nämlich ist,
wie manche glauben wollen,
Grausamkeit das größte Übel.
Vielmehr ist das größte Übel
das Wegschauen. Zu sehen
und doch nicht zu sehen, zu hören
und doch nicht zu hören. Dafür
kommt man in die Hölle,
wie sie anderen schon bereitet wurde
auf Erden durch Wegschauen.

Samstag, 11. Juli 2020

Karneval

Nächtens Kristalle,
will sagen: Krawalle,
will sagen: es donnert,
es splittert, es birst.

Aus den Kanälen
schwappt Blut in die Gassen,
längst glätten die Gondeln
die Wogen nicht mehr.

Es brennt, niemand löscht,
eine Stadt löscht sich aus,
löscht ihr gläsernes Herz,
bricht ihr Licht, löscht nicht.

Ruinen dampfen
bis in den Tag hinein,
Ein bleierner Nebel
tanzt über der Stadt.

Gesamtsituation

Das alles ist Gift für mich. Das alles lähmt mich. Das alles bringt mich ins Grab. Das alles ist genau so, wie ihr es haben wollt.