Freitag, 27. Februar 2026

Ihr Herren

Duldet mich nicht.
Vertreibt mich. Sperrt mich weg.
Merzt mich aus. Bevor noch
Schlimmeres geschieht.
Bevor noch irgendwer
auf mein Gerede hin
womöglich gar anfinge,
selbständig zu denken.

Widerrede

Nein. Bis zuletzt: Nein.
Ich stimme nicht zu.
Ich mache nicht mit.
Ich bin dagegen.
Ich wehre mich 
mit allen meinen Mitteln.
Meine Mittel aber
sind nur lauter Wörter,
dir mir nicht gehören
und deren Gebrauch,
so scheint es ja wohl,
keiner verstehen will.

Rückblickend

Ich weiß noch, dass ich dich liebte,
aber nicht mehr, warum eigentlich.
Du musst ja einen ungeheuren
Eindruck auf mich gemacht haben.
Was war Besonderes an dir,
dass ich dir damals sofort verfiel? 
Das ist kaum noch vorstellbar.
Aber zum Glück brauche ich 
mir das auch nicht vorzustellen. 
Ich spüre immer noch den Schmerz
der unerfüllten Sehnsucht in mir.
Das sollte ja wohl genügen.

Mittwoch, 25. Februar 2026

Sterben

Heute noch nicht, wenn’s geht. 
Auch für morgen habe ich
schon was vor. Und für übermorgen.
Das hätte ich wirklich gerne
noch erledigt. Vielleicht
überhaupt besser erst
in der Woche darauf?
Oder nächsten Monat.
Oder zu Quartalsende.
Muss es denn unbedingt
noch in diesem Jahr sein?
So richtig passt mir das nicht.
Aber wir werden schon
irgendwie zusammenkommen,
der Tod und ich. Muss ja sein.
Ich will mich auch gar nicht
davor drücken, bestimmt nicht.
Am besten, ich melde mich,
wenn es für mich günstig wäre.
Also dann: Bis irgendwann.
Nur bitte nicht jetzt.

Typen

So einer wollte ich nie sein.
So einen bewunderte ich.
So einer hätte ich nie werden können.
So einen hätte ich gern gekannt.
So einen verachtete ich. 
So einer wäre ich gern gewesen.
So einen kannte ich gar nicht.

Dienstag, 24. Februar 2026

Maulwurfsgesänge III

Nachts schweigen die Gräber.
Wie auch bei Tage. Was
hätten sie auch zusagen?
Stirnlampen sind praktisch.
Man hat die Hände frei
für Spaten und Schaufeln.
Wer kennt den Unterschied?
Die Gespräche verliern sich
in verschwitzter Dumpfheit.
Am Ende ist es egal,
ob nun bei Tag oder Nacht
alles seinen Gang geht.
Hauptsache, man kommt voran.

Sonntag, 22. Februar 2026

Naturgedicht

Die Bienen quietschen.
Die Wespen knistern.
Und die Hornissen zischen.
So ein Naturgedicht 
schreibt sich fast von allein.

Maulwurfsgesänge II

Das Erdreich geht über Leichen,
als hätte es nie und nimmer
etwas andres getan.
Und das hat es auch nicht.
Droben geht alles seinen Gang.
Drunten geht’s drunter und drüber.
Die Würmer fressen und werden gefressen.
Der Untergang ist beschlossene Sache.
Keiner weiß, von wem. Jeder gräbt weiter.
Wo es an Tiefgang fehlt, trifft es ich gut,
wenn man hurtiger ist als der Tod.

Auf ewig

Sie geben einander Versprechen,
von denen sie im Voraus wissen,
dass sie sie nicht halten werden,
wenn es darauf ankommen wird.
Was taugt ein Jawort, wenn es nur gilt,
solange es einem gefällt?
In guten wie in schlechten Tagen,
sagen sie, meinen aber bloß:
Sofern es mir dabei gut geht.

Aus der Traum

Muss ich wirklich schon ich sein?
Könnt ich nicht noch eine Weile
ein andrer sein, dem anders
anderswo widerfährt? Im Traum
darf ich sein, was ich will, und
alles tun, was mir einfällt.
Das ist nicht immer schön. Aber
schöner doch, als fremdbestimmt
unter euch leben zu müssen.

Freitag, 20. Februar 2026

Rückblick

Selbstverständlich wäre alles
so viel einfacher gewesen,
wenn ich mich nicht ausgerechnet
in dich verliebt hätte, sondern 
in irgendeinen anderen.
Hab ich aber nicht. Und hätt ich’s,
dann spräche ich hier jetzt zu dem.

Maulwurfsgesänge I

Oder dass die Unendlichkeit
ihrerseits weniger dazu beiträgt.
Auch nachts nicht. Auch im Winter nicht.
Wo nämlich hinter den Bäumen 
der Wald beginnt. Wenigstens die Pilze
hätte man retten sollen, sagen manche.
So gesehn geschehn Zeichen und Wunder,
die keiner beachtet. Wenigstens stehn
am Himmel die Sterne immer noch still .
Davon darf man halten, was man möchte.

Donnerstag, 19. Februar 2026

Keine Kuhhaut

Ich wasche meine Hände in Tinte.
Das bin ich irgendwem schuldig,
den ich nicht kenne, und mir.
Die Sünden der Väter, der Tanten,
der Großneffen und Schwippschwägerinnen
kratze ich ab mit der Feder, 
bis meine Haut blutig wird
wie die gemeinsame Geschichte.

Kontaktschuld

An meinen Händen klebt dein Blut
seit jeher. Ich wasche es ab 
mit Tinte und Unschuld. 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Dienstag, 17. Februar 2026

Überdeutlich

Sie sprachen von der Revolution,
die alles Unrecht beseitigen sollte,
und errichteten eine Diktatur,
die das Unrecht vermehrte.
 
Sie brannten das Haus nieder,
um die Vermieter zu enteignen,
und zerstörten das Zuhause der Mieter.

Donnerstag, 12. Februar 2026

Santa Fosca

Ach, Santa Fosca, in deinen Schatten ruhn
für eine Weile. Und die Jahrtausende
dort drüben machen einfach weiter.
Hier aber will ich nur ausruhn und schaun
und alles irgendwie gutsein lassen.

Apokalyptische Ästhetik

Merkst du denn nichts? Schau hin und horch.
Es ist mit Händen fast zu greifen.
Es riecht und schmeckt nach Verderbnis
und nach recht baldigem Untergang. 
Das gibt es doch nicht, dass du das nicht spürst.

Ich Wüterich

Ich wäre gern öfter gehalten,
bin aber zu oft ungehalten.
Mich macht wütend, wenn etwas so ist,
wie es nicht sein soll. Dann bin auch ich,
wie ich nicht sein soll. Das will ich nicht!

Nur so wie

Wie von selbst, also gerade
nicht von selbst, sondern eben nur
wie von selbst; damit ist freilich
schon das Wesentliche gesagt.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Fersengeld

Den heißen Atem der Zukunft
schon jetzt im Nacken spürend,
rennen wir kopflos in unser,
wie wollen nicht sagen:
Verderben, aber genau das
muss es wohl sein. Denn wer
glaubt im Ernst noch daran,
hinter der nächsten Ecke
oder doch der übernächsten
erwarte uns schließlich das Glück?

Montag, 9. Februar 2026

Ägypten?

Ochs und Esel ziehn
einträchtig meinen Karren.
Sie kennen den Weg.
Ich kenne ihn nicht.
Flucht oder Heimkehr?
Und was ist der Unterschied?

Tätersprache

Welche Sprache wäre denn
nicht eine Sprache der Täter?
Wie viele unschuldige Wörter
könnte irgendwer aufsagen?
Satz für Satz gehen sie einander,
wenn sie wollen, an die Gurgel.
Noch ihr Schweigen vermag 
zu töten und zu verscharren.

Samstag, 7. Februar 2026

Verständnishilfe

Er schreibt „ich“,
meint aber nicht sich.
Doch wer, wenn nicht er, 
kann’s bezeugen? 

Freitag, 6. Februar 2026

Höllenspaß

So wichtig bin ich sicher nicht,
dass mich der Teufel holen käme.
Er wird im besten Falle
einen Unterteufel schicken.
Oder bloß dessen Gehilfen,
irgendeinen armen Teufel,
angelernt, unterbezahlt,
der sich drum um nichts schert
und sehr nachlässig arbeitet.
Der muss mich holen gehen.
Trifft er mich dann aber nicht an,
weil ich grad nicht zu Hause bin,
pfeift er drauf, flucht, zuckt die Schultern
und fährt zur Hölle. Ohne mich.

Donnerstag, 5. Februar 2026

Krähenpläne

Auf Ästen und Leitungen
vor meinem Fenster
sitzen sie und schaun herüber.
Mich beschleicht was.
Und ich denke mir: 
Was wissen die Krähen,
was sie uns nicht verraten?
Sie gucken so komisch.
Als wüssten sie was.
Als hätten sie etwas vor,
was auch uns betrifft,
aber nichts angeht.
Man könnte vermuten,
wir seien ihnen zu dumm,
um uns einzuweihen
in ihre Pläne. 
Wie weise von ihnen.
Also schau ich bloß zu,
wie sie dasitzen
und mich anschweigen.

Mittwoch, 4. Februar 2026

Haha

Lacht ruhig über mich.
Ich lache auch. Über mich,
über euch, über alles.
Das Lachen schützt mich 
vor euch, vor allem, vor mir
und vor der Verzweiflung. 

Mein Lieber

Lass mich daran scheitern,
dich zu lieben. Lieber
mich an dich verlieren
und verzweifelt hoffen,
als ohne dich auch nicht
besser dran zu sein.
Lieber an dir leiden 
als an sonstwem. Lieber
zu Grunde gehn an dir,
als ohne dich sinnlos
durch die Welt zu treiben.

Das Urteil

Ihr habt leicht reden.
Ihr seid ja auch nicht
dazu verurteilt,
immer ich selbst zu sein.
Jahrein, jahraus, Tag für Tag,
Stunde um Stunde und
jeden einzelnen Augenblick
bin ich mit mir zusammen,
werde mich niemals los
und muss mich ertragen.
Was soll ich sagen?
Schön ist das nicht.

Hinreichendes Gulasch

Einen Dreck wisst ihr von den Seelöwen
oder den uralten Pergamenten,
in denen sorgfältig beschrieben wird,
wie man sorgfältig Pergament beschreibt.
Die Polkappen schmelzen.
Derweil wird gezeltet.
Und an Lagerfeuern geht die Post ab.
Wie jeden Mittwoch. Macht euch hübsch,
bevor euch der Sensenmann holt.
Einmal noch Tiefkühlkost, 
dann nur noch Fischfutter.
Verwickelt, verwackelt, verloren.

Gott steh uns bei

Ich brauche dich dringend.
Ohne dich halte ich es nicht aus.
Wie all den Wahnsinn ertragen,
den Menschen Menschen antun,
all die Morde an Leib und Seele
und Geist, wie die Gleichgültigkeit
durchstehn, die alles verödet,
ohne die Hoffnung auf dich,
die einzige, die noch bleibt 
in dieser irdischen Hölle
aus Hass und Leere?
Nur deine Liebe, meine Liebe
kann mich retten. Sonst nichts.

Notwendiges Gulasch

Gott schuf das Walross,
aber reiten, Genosse,
musst du es schon selbst.
Im Blitzlichtgewitter
verenden die Seebären.
Deren Garn erben die Löwen.
Das ist ganz einfach. 
Hinterlasst eine Nachricht
mit Kummerspeck.
Nur sehr sorgfältig
ausgewähltes Packeis
kommt überhaupt in Frage.
So geht es dahin.
Schon ist wieder Mittwoch.
Und alles verreckt.

Verwässerte Kante

Sagen wir mal so: Die Brandung war auch schon mal gefährlicher und kostetet irgendwen mehr. Da lachen ja die Möwen und der Sand kugelt s...