Freitag, 20. Februar 2026

Rückblick

Selbstverständlich wäre alles
so viel einfacher gewesen,
wenn ich mich nicht ausgerechnet
in dich verliebt hätte, sondern 
in irgendeinen anderen.
Hab ich aber nicht. Und hätt ich’s,
dann spräche ich hier jetzt zu dem.

Maulwurfsgesänge I

Oder dass die Unendlichkeit
ihrerseits weniger dazu beiträgt.
Auch nachts nicht. Auch im Winter nicht.
Wo nämlich hinter den Bäumen 
der Wald beginnt. Wenigstens die Pilze
hätte man retten sollen, sagen manche.
So gesehn geschehn Zeichen und Wunder,
die keiner beachtet. Wenigstens stehn
am Himmel die Sterne immer noch still .
Davon darf man halten, was man möchte.

Donnerstag, 19. Februar 2026

Keine Kuhhaut

Ich wasche meine Hände in Tinte.
Das bin ich irgendwem schuldig,
den ich nicht kenne, und mir.
Die Sünden der Väter, der Tanten,
der Großneffen und Schwippschwägerinnen
kratze ich ab mit der Feder, 
bis meine Haut blutig wird
wie die gemeinsame Geschichte.

Kontaktschuld

An meinen Händen klebt dein Blut
seit jeher. Ich wasche es ab 
mit Tinte und Unschuld. 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Dienstag, 17. Februar 2026

Überdeutlich

Sie sprachen von der Revolution,
die alles Unrecht beseitigen sollte,
und errichteten eine Diktatur,
die das Unrecht vermehrte.
 
Sie brannten das Haus nieder,
um die Vermieter zu enteignen,
und zerstörten das Zuhause der Mieter.

Donnerstag, 12. Februar 2026

Santa Fosca

Ach, Santa Fosca, in deinen Schatten ruhn
für eine Weile. Und die Jahrtausende
dort drüben machen einfach weiter.
Hier aber will ich nur ausruhn und schaun
und alles irgendwie gutsein lassen.

Apokalyptische Ästhetik

Merkst du denn nichts? Schau hin und horch.
Es ist mit Händen fast zu greifen.
Es riecht und schmeckt nach Verderbnis
und nach recht baldigem Untergang. 
Das gibt es doch nicht, dass du das nicht spürst.

Ich Wüterich

Ich wäre gern öfter gehalten,
bin aber zu oft ungehalten.
Mich macht wütend, wenn etwas so ist,
wie es nicht sein soll. Dann bin auch ich,
wie ich nicht sein soll. Das will ich nicht!

Nur so wie

Wie von selbst, also gerade
nicht von selbst, sondern eben nur
wie von selbst; damit ist freilich
schon das Wesentliche gesagt.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Fersengeld

Den heißen Atem der Zukunft
schon jetzt im Nacken spürend,
rennen wir kopflos in unser,
wie wollen nicht sagen:
Verderben, aber genau das
muss es wohl sein. Denn wer
glaubt im Ernst noch daran,
hinter der nächsten Ecke
oder doch der übernächsten
erwarte uns schließlich das Glück?

Montag, 9. Februar 2026

Ägypten?

Ochs und Esel ziehn
einträchtig meinen Karren.
Sie kennen den Weg.
Ich kenne ihn nicht.
Flucht oder Heimkehr?
Und was ist der Unterschied?

Tätersprache

Welche Sprache wäre denn
nicht eine Sprache der Täter?
Wie viele unschuldige Wörter
könnte irgendwer aufsagen?
Satz für Satz gehen sie einander,
wenn sie wollen, an die Gurgel.
Noch ihr Schweigen vermag 
zu töten und zu verscharren.

Samstag, 7. Februar 2026

Verständnishilfe

Er schreibt „ich“,
meint aber nicht sich.
Doch wer, wenn nicht er, 
kann’s bezeugen? 

Freitag, 6. Februar 2026

Höllenspaß

So wichtig bin ich sicher nicht,
dass mich der Teufel holen käme.
Er wird im besten Falle
einen Unterteufel schicken.
Oder bloß dessen Gehilfen,
irgendeinen armen Teufel,
angelernt, unterbezahlt,
der sich drum um nichts schert
und sehr nachlässig arbeitet.
Der muss mich holen gehen.
Trifft er mich dann aber nicht an,
weil ich grad nicht zu Hause bin,
pfeift er drauf, flucht, zuckt die Schultern
und fährt zur Hölle. Ohne mich.

Donnerstag, 5. Februar 2026

Krähenpläne

Auf Ästen und Leitungen
vor meinem Fenster
sitzen sie und schaun herüber.
Mich beschleicht was.
Und ich denke mir: 
Was wissen die Krähen,
was sie uns nicht verraten?
Sie gucken so komisch.
Als wüssten sie was.
Als hätten sie etwas vor,
was auch uns betrifft,
aber nichts angeht.
Man könnte vermuten,
wir seien ihnen zu dumm,
um uns einzuweihen
in ihre Pläne. 
Wie weise von ihnen.
Also schau ich bloß zu,
wie sie dasitzen
und mich anschweigen.

Mittwoch, 4. Februar 2026

Haha

Lacht ruhig über mich.
Ich lache auch. Über mich,
über euch, über alles.
Das Lachen schützt mich 
vor euch, vor allem, vor mir
und vor der Verzweiflung. 

Mein Lieber

Lass mich daran scheitern,
dich zu lieben. Lieber
mich an dich verlieren
und verzweifelt hoffen,
als ohne dich auch nicht
besser dran zu sein.
Lieber an dir leiden 
als an sonstwem. Lieber
zu Grunde gehn an dir,
als ohne dich sinnlos
durch die Welt zu treiben.

Das Urteil

Ihr habt leicht reden.
Ihr seid ja auch nicht
dazu verurteilt,
immer ich selbst zu sein.
Jahrein, jahraus, Tag für Tag,
Stunde um Stunde und
jeden einzelnen Augenblick
bin ich mit mir zusammen,
werde mich niemals los
und muss mich ertragen.
Was soll ich sagen?
Schön ist das nicht.

Hinreichendes Gulasch

Einen Dreck wisst ihr von den Seelöwen
oder den uralten Pergamenten,
in denen sorgfältig beschrieben wird,
wie man sorgfältig Pergament beschreibt.
Die Polkappen schmelzen.
Derweil wird gezeltet.
Und an Lagerfeuern geht die Post ab.
Wie jeden Mittwoch. Macht euch hübsch,
bevor euch der Sensenmann holt.
Einmal noch Tiefkühlkost, 
dann nur noch Fischfutter.
Verwickelt, verwackelt, verloren.

Gott steh uns bei

Ich brauche dich dringend.
Ohne dich halte ich es nicht aus.
Wie all den Wahnsinn ertragen,
den Menschen Menschen antun,
all die Morde an Leib und Seele
und Geist, wie die Gleichgültigkeit
durchstehn, die alles verödet,
ohne die Hoffnung auf dich,
die einzige, die noch bleibt 
in dieser irdischen Hölle
aus Hass und Leere?
Nur deine Liebe, meine Liebe
kann mich retten. Sonst nichts.

Notwendiges Gulasch

Gott schuf das Walross,
aber reiten, Genosse,
musst du es schon selbst.
Im Blitzlichtgewitter
verenden die Seebären.
Deren Garn erben die Löwen.
Das ist ganz einfach. 
Hinterlasst eine Nachricht
mit Kummerspeck.
Nur sehr sorgfältig
ausgewähltes Packeis
kommt überhaupt in Frage.
So geht es dahin.
Schon ist wieder Mittwoch.
Und alles verreckt.

Samstag, 31. Januar 2026

Randerscheinung

Ich bin es offensichtlich nicht wert,
von dir geliebt zu werden.
Oder auch nur gemocht.
Oder wenigstens wahrgenommen.
Du hast jedes Recht der Welt,
mich zu missachten.
Das bestreite ich gar nicht. 
Es ist nur leider bloß so,
dass ich mir anderes wünsche.

Auf die Folter gespannt II

Foltert mich nicht.
Ich verrate alles und jeden,
ich bezichtige mich bereitwillig
jeder erdenklichen Untat,
sage und unterschreibe alles,
was ihr mir vorgebt, 
wenn ihr mir nur sagt,
dass die Schmerzen aufhören
oder nicht kommen werden.

Auf die Folter gespannt I

Meinen Willen zu brechen,
wäre gewiss allzu leicht,
also lasst es gefälligst.
Denn ich bin zwar dickköpfig
aber wer weiß, was Schmerzen 
bei mir bewirken würden,
die ich durch Unterwerfung,
durch falsche Geständnisse
oder was immer ihr wollt
vermeiden können möchte.

Donnerstag, 29. Januar 2026

Mein Glück

Wahrscheinlich kann man sagen,
dass ich durchaus Glück hatte.
Unter anderen Umständen,
anderswo, zu anderer Zeit,
hätte man mich zum Schweigen gebracht.
Oder umgebracht. Oder beides.
So aber lebe ich und rede.
Das beweist allerdings nur
meine Wirkungslosigkeit.
Die Feinde sind ja dieselben,
nur ihr Zugriff ist anders.
Wenn also dies mein Glück ist,
gänzlich unbedeutend zu sein,
warte ich noch auf ein Unglück.

Mittwoch, 28. Januar 2026

So ein Zirkus

Wie ein Löwenbändiger
ganz ohne Löwen
mühe ich mich ab.
Die Nummer ist alles,
was ich so draufhabe.
Es ist gar nicht schön
anzusehn. Keiner applaudiert.
Viele behaupten sogar,
ich hätte noch nie
einen Löwen gebändigt.
Und das Gegenteil kann ich
leider nicht beweisen.
Mangels Löwen.

Das wahre Gesicht

Ihr werdet getäuscht
von den Tatsachen.
Mein zufälliges Gesicht
zeigt euch nicht den,
der ich bin. Was ich sage,
nicht aber, was ihr seht, 
ist das Wesentliche.

Dienstag, 27. Januar 2026

Deutsche Schäferhunde

Hündische Schafsdeutsche.
Schäfische Deutschenhunde.
Deutsche Hundsschafe.
Schäfische Hundsdeutsche. 
Hündische deutsche Schäfer.

Menschheit

Ihr sagt Kultur,
ich sage Massaker
und Zerstörungswut.
Ihr sagt Zivilisation,
ich sage Ausbeutung
und Menschenverachtung.
Ihr sagt Fortschritt,
ich sage Unterdrückung
und Auslöschung.
Ihr sagt Zukunft,
ich sage Macht der Maschinen
und Herrschaft der Knechte.
Wir sprechen dabei durchaus
von derselben Sache.

Montag, 26. Januar 2026

Geheimnisverrat

Manche meiner Gedichte
verschweige ich mir lieber,
das ist meiner Seelenruhe
zuträglicher und zudem
meinen Überlebenswillen. 
Auch dies hier ist so ein Gedicht,
das ich nicht lesen sollte
und das ich noch besser
gar nicht erst schreibe.

Sonntag, 25. Januar 2026

An einen Kritiker

Und selbst wenn ich nicht kann,
was ich machen möchte,
ist es besser, es zu versuchen 
und dann daran zu scheitern, 
als einfach nichts zu tun.
Besser zu viele Einfälle
als keine Wünsche und Ziele,
besser Unfertiges liegen lassen,
als nie anzufangen,
besser ein bisschen Wahnsinn
als ein sinnloses Leben.

Gebet

Lieber Gott, lass nicht zu,
dass ich wehrlos bin
gegen deine Feinde,
die dich vernichten wollen,
indem sie mich vernichten.
Wenn ich sie schon nicht
zermalmen darf, dann bitte
lass mich ihnen hin und wieder
ihr freches Maul stopfen. 

Freitag, 23. Januar 2026

Zerquetschungen

Ihr habt mitgemacht. 
Also seid ihr mitschuldig.
Redet euch nicht heraus, 
Es stimmt, ihr wart unfrei.
Dafür konntet ihr nichts.
Man zwang euch Entscheidungen auf.
Ihr habt euch dafür entschieden, 
lieber mitzumachen, als draufzugehn
oder doch Schaden zu nehmen
an noch anderem als eurer Seele.
Lieber andere zerquetschen,
als selber zerquetscht zu werden.
Lieber zuschaun und schweigen,
wenn andere zerquetscht werden,
als selber zerquetscht zu werden.
Lieber rufen: Zerquetscht sie!,
als selber zerquetscht zu werden.
Eure Seelen nahmen Schaden,
eure Leben wurden beschädigt,
anderer Leben wurden beschädigt,
anderer Leben wurden zerstört.
Weil ihr mitgemacht habt, lebt ihr noch,
immerhin, bis auf weiteres.
Weil ihr mitgemacht habt und
weil ihr schuldig geworden seid,
könntet ihr sagen, wie es war.
Könntet zugeben, was ihr getan habt,
und was ihr unterlassen habt.
Ihr aber schweigt. Oder redet euch heraus.
Und tut euch selber leid,
ihr zerquetschten Zerquetscher.

Montag, 19. Januar 2026

Pein

Recht unangenehm ist es,
nasse Socken zu tragen.
Und fürchterlich, in Blut zu waten.
Das eine widerfährt manchem.
Das andere lassen wir zu.
Wehe uns.

Samstag, 17. Januar 2026

Schrei

Unsäglich peinlich bin ich,
weshalb jeder mich meidet,
lächerlich, jämmerlich, ein Narr,
der sich für jemanden hält,
aber ein Nichts ist, ein Niemand.

Tourette

So ist es schön. So kann es bleiben.
Zwischen uns ist alles gesagt. Außer,
du hättest noch was auf dem Herzen,
was ich nicht wissen soll. Wir teilen uns
ein Stückchen eines Weges, mehr nicht.
Das ist schon sehr viel. Lass es uns bitte
genießen. Oder siehst du das anders?

Strandgut vielleicht

Wenn auch mit vielen Muscheln Verspätung
umfassen die Strände de Krabben,
Der Möwen einsame Lieder
verkennen die Struktur der Welt
so wenig wie der Hafer die Grütze.
Und eine Mütze mag verwehen, wer will,
es wird doch kein Schuh daraus, nirgends.
Aber wenn das Bernsteinzimmer anbrandet,
ist die Welt noch in Ordnung, ihr Schweine.

Sonntag, 11. Januar 2026

Freitag, 9. Januar 2026

Speckstein und Erben

Wenn die Fürze quersitzen,
wandert die Fröhlichkeit ab
und die Sterne wissen nicht,
wem sie noch brennen sollen.
Konfuzius aber sagt,
still und starr ruhe der See.
Während das Tannenbäumchen
einsam verglüht in der Nacht
vor seinem Tode. Fleischlos
ernährt sich das Eichhörnchen,
und der Regenwurm bibbert,
bis er ins Trockendock kommt.
Wer sich für Grillzeug erwärmt,
hätte jetzt Gelegenheit
zu einem letzten Tango.
Die Asche fliegt bis zum Mond.

Abstieg

Vor mir liegt die Unendlichkeit,
wenn ich schlafe und träume.
Wenn ich aber wach bin,
bedrängt mich das Elend
dieser mickrigen Welt.

Mittwoch, 7. Januar 2026

Utopie

Zu weit gegangen.
Wohin keiner wollte.
Einsam geblieben.
Wege gebahnt.
Ohne etwas erreicht zu haben.
Nicht vorangekommen,
nur bis ans Ende.

Montag, 5. Januar 2026

Meine Zeitgenossen

Ach, wisst ihr was, von mir aus
können alle zur Hölle fahren,
wenn es das ist, was sie wollen.
Wer bin ich denn, ihn zu sagen,
sie hätten Heilige zu sein
oder auch nur halbwegs anständig?

Rückblick

Selbstverständlich wäre alles so viel einfacher gewesen, wenn ich mich nicht ausgerechnet in dich verliebt hätte, sondern  in irgendeinen...