Freitag, 3. April 2026

Orphisch

Es gäbe die Schönheit
und man könnte ihr singen,
während in Blut waten 
die Menschenfresser.
So ist das Leben.

Donnerstag, 2. April 2026

Opfergabe

Im Honig ersäuft
die Arbeitsbiene,
und ihre Todesangst
würzt ihrer Königin 
deren Schlummertrunk.
Du bist meine Heimat,
nichts und niemand sonst.
Wo du bist, gehöre ich hin, 
und wo wärst du nicht.

Sonntag, 29. März 2026

Epische Skizze

Sie sprachen und sprachen
die Nachrichten und Nachrichten,
als sei heute ein Heute gewesen
und gäbe es morgen ein Morgen.
Die Verrohung war grenzenlos.
Beim Lügen musste keiner mehr
sich Mühe geben. Unverschämt
konnte man sich erwischen lassen
und mit allem davonkommen.
Die anderen ließ man verrecken.
Auf die Zukunft schiss man,
malte sie bunt an und ließ
die Leute sie fressen, gegen Bezahlung.
Alle wollten dabei sein. Viele
versteckten sich in Süchten,
Ticks und Marotten. Albtraumhaft
war die Normalität ganz normal.
Derweil ging die Welt unter.
Das sagten sie schon und zeigten
die vielen Bilder dazu.
Selbst die Gierigen gähnten 
in tödlicher Langeweile.
So weit die Nachrichten.
Und nun zum Wetter.

Mittwoch, 25. März 2026

Bonum et pulchrum convertuntur

Um noch einmal zurückzukommen
auf Zypressen und bröckelnde Mauern:
Darüber schriebe ich sehr gerne,
auch sozusagen Verse, aber
irgendwie lenkt mich das Leben ab
vom Heimweh nach gestern. Ich irre hin
zum Jetzt und Gleich und Hier und Dort,
wo meine Mitmenschen Opfer sind,
Täter und Zuschauer, aber ich 
ein nutzloser Warner und Ankläger.
Mehr Kunst kann ich unter Umständen
dann eben nicht.

Lehrreiche Geschichte

Es war einmal ein Scheusal,
das trug meinen Namen
und wohnte unter meiner Anschrift.
Es schrieb, was ich schrieb,
weil es dachte, was ich dachte.
Das wollten die Leute nicht hören
und erschlugen das Scheusal.
Wäre ich bloß beizeiten verstummt
oder wenigstens umgezogen.

Verlorener Restposten

Die Sehnsucht nach Güte verlässt mich nie,
nach Freundlichkeit, Brüderlichkeit,
nach menschlicher Wärme.
Der Kälte und Gleichgültigkeit,
der Lust an der Bösartigkeit
bringe ich Abscheu entgegen und Wut.
So bin ich und so will ich bleiben
in dieser Welt, die es darauf anlegt,
sich und mich und alles restlos 
zu entmenschlichen.

Wie es ist

Man möchte verzweifeln,
so wie die Dinge liegen,
aber man verbietet es sich,
um dem Dummen und Bösen
nicht zu allem Überdruss auch noch
die Macht zuzugestehn,
einen kleinzukriegen.
Dass alles beschissen ist.
ist noch lange kein Grund,
nicht Haltung zu bewahren
und über den Dingen zu stehn,
die einen fertig machen wollen.
Katastrophen kommen und gehn,
aber Demut und Anstand 
bleiben für immer bestehn.
Gestehe Kunst, dass es so ist.

Donnerstag, 19. März 2026

Verwässerte Kante

Sagen wir mal so: Die Brandung
war auch schon mal gefährlicher
und kostetet irgendwen mehr.
Da lachen ja die Möwen
und der Sand kugelt sich.
Kein Krabbenbrötchen der Welt
macht das wieder wett. Schiffstaufen
verführen zu falschen Vergleichen.
Nicht alles, worauf ein Preisschild klebt,
ist auch wirklich was wert. Weiter so.
Strandhafers heimliche Liebe
verwickelt die Abfallkörbe 
in Widersprüche. Muss das sein?

Mittwoch, 18. März 2026

Selbsteinschätzung

So schlecht ist das gar nicht,
was ich mache, nur nicht
gut genug, um die Welt 
zu verbessern. Schade.

Ästhetische Revolution

Nimm die Welt nicht hin,
sondern wahr, wie sie ist,
und bedenke dabei, 
wie sie sein könnte.

Weise Voraussicht

Nun, wie gesagt, wer bin ich schon,
um die Welt verändern zu wollen
nur mit Wörtern, die andre
beherzigen sollen. Welche
Anmaßung, welch irrsinniger 
Glaube an die Macht der Vernunft.
Daran muss ich ja scheitern.

Dienstag, 17. März 2026

Weltsicht

Mir gehört die ganze Welt.
Aber ich nutze nur einen Teil davon.
Und gar nicht einmal den besten.

Eingeständnisse

Ich habe den Reichen und Mächtigen
nichts entgegenzusetzen als die Wahrheit,
meine Wahrheit, die sie zu wenig bedroht,
sonst wäre ich ganz bestimmt schon längst
zum Schweigen gebracht worden.
 
Ich habe den Elenden dieser Welt
nichts vorzuschlagen als die Wahrheit,
meine Wahrheit, die sie leider nicht kennen,
sonst hätten sie doch ganz bestimmt
die Welt schon längst verbessert.

Vier Jahreszeiten V

Sommer: Was soll ich sagen?
Eine einzige Durststrecke,
die nicht aufhören will,
mich zu quälen. Die Hitze,
das drückende Licht,
die Lähmung des Denkens.
Dazu das sinnlose Fleisch,
das sich allenthalben darbietet
und entzogen bleibt.
Alles ist mühsam und dumm.
Nur an Regentagen atme ich durch 
und hoffe auf baldigen Herbst.

Vier Jahreszeiten IV

Sie nennen es Frühling.
Ich nenne es Belästigung
mit der Geilheit der Pflanzen,
die einem ihre Geschlechtsteile
über all unter die Nase reiben.
Was geht mich das an,
dass sie sich fortpflanzen müssen?
Warum muss ich leiden 
an Augenjucken und Niesen,
wenn sie sich einen runterholen,
sobald die Sonne scheint?

Vier Jahreszeiten III

Am Frühling liegt mir nichts.
Mir ist das alles zu brünstig,
all das Sprießen und Blühn,
diese Gier, sich zu vermehren,
diese halbgaren Temperaturen,
die weichliche Sonne.
Ich vermisse die Klarheit
des Winters, seine Kraft
und Kompromisslosigkeit. 
So ein Frühling ist doch bloß
ein kindischer Sommer.

Vier Jahreszeiten II

O köstlicher Herbst,
du mit deinem Verfall überall
und Tod, mit dem Duft
von Fäulnis und Verwesung.
Golden glühn jetzt die Wälder 
und es ist kühl, herrlich kühl,
was dem Denken gut tut.

Vier Jahreszeiten I

Was haben de Leute nur immer
gegen den Winter? Ist doch schön,
wenn endlich alles mal grau ist
oder sogar weiß. Wenn nur selten
grelles Licht ein blendet
und die Kälte gewisse
Zurschaustellungen unterbindet.
Was wäre behaglicher
als Heizung und gedämpftes Licht?
Ein Winter, ein richtiger Winter,
so mit Eis und Schnee und so,
ermöglicht ohne viel Aufwand
die Besinnung aufs Wesentliche.
Das ist es. Das haben die Leute 
gegen den Winter. Ich nicht.

Geburtstagsständchen

Habe ich schon gelebt
oder muss ich das noch
und wie lange?
 
Was heißt zu leben,
wenn überall der Tod
fröhliche Urständ feiert?
 
Was soll das überhaupt
für ein Leben sein,
in dem das Unrecht
und die Dummheit
weiterexistieren, 
obwohl man das nicht will?
 
Quicklebendig 
wäre wohl anders
als die Unwürdigkeit
des Alters und der Schrecken
der Sinnlosigkeit.
 
Wie gesagt: 
Geht das noch lange so?

Sonntag, 15. März 2026

Poetischer Moment

Aus einiger Entfernung
sehe ich zwei junge Männer
die Straße hinuntergehn,
sehe sie nur von hinten,
höre sie reden,
verstehe aber kein Wort.
Und trotzdem bin ich 
irgendwie glücklich.

Fortschrittlichkeit

Das wäre geschafft.
Bis in Teufels Küche
sind wir schon mal gekommen.
Nun wäre es vielleicht gut,
endlich herauszufinden,
wie wir um Himmels willen 
wieder hinausfinden.

Gemeinsamkeit

Wir fürchten kein Unheil,
das wir jemandem antun.
Was soll man machen?
Irgendetwas muss ja geschehn.
Und besser als einem selbst 
widerfährt es den andern.

Hoffnungslos

Unser tägliches Blut
komme auf uns. Auf ewig
laste unsre Schuld auf uns
und die der andern. Darum
lassen wir uns verführen
von allem Bösen und
befriedigen erbarmungslos 
vergebliche Gelüste.

Sonntag, 8. März 2026

Gnadenhalber

Ich will aber gar nicht glücklich sein.
Unter den herrschenden Bedingungen
ist Glück Verrat am Unglück 
der Leidenden und Erniedrigten,
der Betrogenen und Ausgebeuteten,
der Unterdrückten und Zerstörten.
Wütend und hasserfüllt will ich sein,
unversöhnt mit der Niedertracht 
dieser Welt bis über den Tod hinaus.

Donnerstag, 5. März 2026

Einmal geht’s noch

Ich hätte da so einen Vers,
aber ich weiß gar nicht,
ob ich ihn noch vorbringen soll.
Schön ist er nicht, schlau
auch nur mäßig. Doch immerhin
sagt er viel über mich.
Und damit ist dann auch die Welt 
irgendwie auf den Punkt gebracht.

Poesiefabrik

Früher kostete mich jeder Vers,
jeder einzelne gottverdammte Vers,
literweise Blut, Schweiß und Tränen.
Heutzutage aber schüttle ich
ganze Gedichte aus dem Ärmel,
als wären es gezinkte Spielkarten.
Einfach so und weil ich es eben kann.
Ein Schulterzucken, ein Fingerschnippen
und ein müdes Lächeln: Schwuppdiwupp
ist der Zaubertrick schon wieder vorbei,
das Kaninchen zurück im Zylinder,
und die eben noch zersägte Jungfrau
serviert kalten Kaffee. Das Publikum
langweilt sich bestimmt fast zu Tode,
weil es gar nicht gut aufgepasst hat 
und eigentlich nur aus mir selbst besteht.
Wie auch immer. Was wollte ich sagen?
Ach ja, richtig. Und da steht es auch schon:
Ich schreibe zu viele Gedichte.

Mittwoch, 4. März 2026

Docta ignorantia

Was ihr alles wisst!
Jedenfalls glaubt ihr
zu wissen. Ich aber glaube 
nicht so recht an euer Wissen,
sondern weiß vielmehr,
ihr wisst noch gar nicht,
was ihr wissen müsstet,
damit ich euch glauben könnte.

Influencer

Manchmal träumt mir, ich sei jemand,
ich sei wichtig, auf mich werde gehört,
mein Wort gelte etwas in der Welt,
ich träfe berühmte Leute
und spräche mit ihnen von Gleich zu Gleich.
Dann wache ich auf und bin froh, 
dass ich so unbedeutend bin.
Man stelle sich vor, ich hätte Einfluss,
und die Welt wäre immer noch
so beschissen, wie sie eben ist.
Was sagte das über mich?

Dienstag, 3. März 2026

Lehre

Auf ein Glück hoffend,
das einem gnadenhalber
verwehrt bleiben muss,
hätte man wohl eine Chance 
auf ein bisschen Seligkeit,
wenn man nur wüsste,
wem man glauben kann.

Bisheriger Ertrag

Ich ergebe mich nicht
dem Gefühl der Mickrigkeit
angesichts der Übermacht
der Freunde und Feinde
und mangelnden Zuschauer.
 
Ich bestreite ja gar nicht
mein Leben mit so einem
sogenannten Erfolg.
 
Mir gereicht die Verachtung
zur Ehre, die ich gewohnt bin,
derlei Zugeständnissen
entgegenzubringen. 
 
Denn mir geht es um anderes.
Und daran scheitere ich.
 
Wie soll man aber auch die Welt
mit nichts als nur Wörtern
verbessern, wenn schlechterdings
keiner zuhören will?
 
Hört auf, nicht auf mich zu hören,
dann werdet ihr schon sehn,
was ihr letztlich davon habt:
Etwas Besseres als den Tod 
auf jeden Fall. Glaube ich.

Freitag, 27. Februar 2026

Ihr Herren

Duldet mich nicht.
Vertreibt mich. Sperrt mich weg.
Merzt mich aus. Bevor noch
Schlimmeres geschieht.
Bevor noch irgendwer
auf mein Gerede hin
womöglich gar anfinge,
selbständig zu denken.

Widerrede

Nein. Bis zuletzt: Nein.
Ich stimme nicht zu.
Ich mache nicht mit.
Ich bin dagegen.
Ich wehre mich 
mit allen meinen Mitteln.
Meine Mittel aber
sind nur lauter Wörter,
dir mir nicht gehören
und deren Gebrauch,
so scheint es ja wohl,
keiner verstehen will.

Rückblickend

Ich weiß noch, dass ich dich liebte,
aber nicht mehr, warum eigentlich.
Du musst ja einen ungeheuren
Eindruck auf mich gemacht haben.
Was war Besonderes an dir,
dass ich dir damals sofort verfiel? 
Das ist kaum noch vorstellbar.
Aber zum Glück brauche ich 
mir das auch nicht vorzustellen. 
Ich spüre immer noch den Schmerz
der unerfüllten Sehnsucht in mir.
Das sollte ja wohl genügen.

Mittwoch, 25. Februar 2026

Sterben

Heute noch nicht, wenn’s geht. 
Auch für morgen habe ich
schon was vor. Und für übermorgen.
Das hätte ich wirklich gerne
noch erledigt. Vielleicht
überhaupt besser erst
in der Woche darauf?
Oder nächsten Monat.
Oder zu Quartalsende.
Muss es denn unbedingt
noch in diesem Jahr sein?
So richtig passt mir das nicht.
Aber wir werden schon
irgendwie zusammenkommen,
der Tod und ich. Muss ja sein.
Ich will mich auch gar nicht
davor drücken, bestimmt nicht.
Am besten, ich melde mich,
wenn es für mich günstig wäre.
Also dann: Bis irgendwann.
Nur bitte nicht jetzt.

Typen

So einer wollte ich nie sein.
So einen bewunderte ich.
So einer hätte ich nie werden können.
So einen hätte ich gern gekannt.
So einen verachtete ich. 
So einer wäre ich gern gewesen.
So einen kannte ich gar nicht.

Dienstag, 24. Februar 2026

Maulwurfsgesänge III

Nachts schweigen die Gräber.
Wie auch bei Tage. Was
hätten sie auch zusagen?
Stirnlampen sind praktisch.
Man hat die Hände frei
für Spaten und Schaufeln.
Wer kennt den Unterschied?
Die Gespräche verliern sich
in verschwitzter Dumpfheit.
Am Ende ist es egal,
ob nun bei Tag oder Nacht
alles seinen Gang geht.
Hauptsache, man kommt voran.

Sonntag, 22. Februar 2026

Naturgedicht

Die Bienen quietschen.
Die Wespen knistern.
Und die Hornissen zischen.
So ein Naturgedicht 
schreibt sich fast von allein.

Maulwurfsgesänge II

Das Erdreich geht über Leichen,
als hätte es nie und nimmer
etwas andres getan.
Und das hat es auch nicht.
Droben geht alles seinen Gang.
Drunten geht’s drunter und drüber.
Die Würmer fressen und werden gefressen.
Der Untergang ist beschlossene Sache.
Keiner weiß, von wem. Jeder gräbt weiter.
Wo es an Tiefgang fehlt, trifft es ich gut,
wenn man hurtiger ist als der Tod.

Auf ewig

Sie geben einander Versprechen,
von denen sie im Voraus wissen,
dass sie sie nicht halten werden,
wenn es darauf ankommen wird.
Was taugt ein Jawort, wenn es nur gilt,
solange es einem gefällt?
In guten wie in schlechten Tagen,
sagen sie, meinen aber bloß:
Sofern es mir dabei gut geht.

Aus der Traum

Muss ich wirklich schon ich sein?
Könnt ich nicht noch eine Weile
ein andrer sein, dem anders
anderswo widerfährt? Im Traum
darf ich sein, was ich will, und
alles tun, was mir einfällt.
Das ist nicht immer schön. Aber
schöner doch, als fremdbestimmt
unter euch leben zu müssen.

Freitag, 20. Februar 2026

Rückblick

Selbstverständlich wäre alles
so viel einfacher gewesen,
wenn ich mich nicht ausgerechnet
in dich verliebt hätte, sondern 
in irgendeinen anderen.
Hab ich aber nicht. Und hätt ich’s,
dann spräche ich hier jetzt zu dem.

Maulwurfsgesänge I

Oder dass die Unendlichkeit
ihrerseits weniger dazu beiträgt.
Auch nachts nicht. Auch im Winter nicht.
Wo nämlich hinter den Bäumen 
der Wald beginnt. Wenigstens die Pilze
hätte man retten sollen, sagen manche.
So gesehn geschehn Zeichen und Wunder,
die keiner beachtet. Wenigstens stehn
am Himmel die Sterne immer noch still .
Davon darf man halten, was man möchte.

Donnerstag, 19. Februar 2026

Keine Kuhhaut

Ich wasche meine Hände in Tinte.
Das bin ich irgendwem schuldig,
den ich nicht kenne, und mir.
Die Sünden der Väter, der Tanten,
der Großneffen und Schwippschwägerinnen
kratze ich ab mit der Feder, 
bis meine Haut blutig wird
wie die gemeinsame Geschichte.

Kontaktschuld

An meinen Händen klebt dein Blut
seit jeher. Ich wasche es ab 
mit Tinte und Unschuld. 

Mittwoch, 18. Februar 2026

Dienstag, 17. Februar 2026

Überdeutlich

Sie sprachen von der Revolution,
die alles Unrecht beseitigen sollte,
und errichteten eine Diktatur,
die das Unrecht vermehrte.
 
Sie brannten das Haus nieder,
um die Vermieter zu enteignen,
und zerstörten das Zuhause der Mieter.

Donnerstag, 12. Februar 2026

Santa Fosca

Ach, Santa Fosca, in deinen Schatten ruhn
für eine Weile. Und die Jahrtausende
dort drüben machen einfach weiter.
Hier aber will ich nur ausruhn und schaun
und alles irgendwie gutsein lassen.

Apokalyptische Ästhetik

Merkst du denn nichts? Schau hin und horch.
Es ist mit Händen fast zu greifen.
Es riecht und schmeckt nach Verderbnis
und nach recht baldigem Untergang. 
Das gibt es doch nicht, dass du das nicht spürst.

Ich Wüterich

Ich wäre gern öfter gehalten,
bin aber zu oft ungehalten.
Mich macht wütend, wenn etwas so ist,
wie es nicht sein soll. Dann bin auch ich,
wie ich nicht sein soll. Das will ich nicht!

Nur so wie

Wie von selbst, also gerade
nicht von selbst, sondern eben nur
wie von selbst; damit ist freilich
schon das Wesentliche gesagt.

Mittwoch, 11. Februar 2026

Fersengeld

Den heißen Atem der Zukunft
schon jetzt im Nacken spürend,
rennen wir kopflos in unser,
wie wollen nicht sagen:
Verderben, aber genau das
muss es wohl sein. Denn wer
glaubt im Ernst noch daran,
hinter der nächsten Ecke
oder doch der übernächsten
erwarte uns schließlich das Glück?

Montag, 9. Februar 2026

Ägypten?

Ochs und Esel ziehn
einträchtig meinen Karren.
Sie kennen den Weg.
Ich kenne ihn nicht.
Flucht oder Heimkehr?
Und was ist der Unterschied?

Tätersprache

Welche Sprache wäre denn
nicht eine Sprache der Täter?
Wie viele unschuldige Wörter
könnte irgendwer aufsagen?
Satz für Satz gehen sie einander,
wenn sie wollen, an die Gurgel.
Noch ihr Schweigen vermag 
zu töten und zu verscharren.

Samstag, 7. Februar 2026

Verständnishilfe

Er schreibt „ich“,
meint aber nicht sich.
Doch wer, wenn nicht er, 
kann’s bezeugen? 

Freitag, 6. Februar 2026

Höllenspaß

So wichtig bin ich sicher nicht,
dass mich der Teufel holen käme.
Er wird im besten Falle
einen Unterteufel schicken.
Oder bloß dessen Gehilfen,
irgendeinen armen Teufel,
angelernt, unterbezahlt,
der sich drum um nichts schert
und sehr nachlässig arbeitet.
Der muss mich holen gehen.
Trifft er mich dann aber nicht an,
weil ich grad nicht zu Hause bin,
pfeift er drauf, flucht, zuckt die Schultern
und fährt zur Hölle. Ohne mich.

Donnerstag, 5. Februar 2026

Krähenpläne

Auf Ästen und Leitungen
vor meinem Fenster
sitzen sie und schaun herüber.
Mich beschleicht was.
Und ich denke mir: 
Was wissen die Krähen,
was sie uns nicht verraten?
Sie gucken so komisch.
Als wüssten sie was.
Als hätten sie etwas vor,
was auch uns betrifft,
aber nichts angeht.
Man könnte vermuten,
wir seien ihnen zu dumm,
um uns einzuweihen
in ihre Pläne. 
Wie weise von ihnen.
Also schau ich bloß zu,
wie sie dasitzen
und mich anschweigen.

Mittwoch, 4. Februar 2026

Haha

Lacht ruhig über mich.
Ich lache auch. Über mich,
über euch, über alles.
Das Lachen schützt mich 
vor euch, vor allem, vor mir
und vor der Verzweiflung. 

Mein Lieber

Lass mich daran scheitern,
dich zu lieben. Lieber
mich an dich verlieren
und verzweifelt hoffen,
als ohne dich auch nicht
besser dran zu sein.
Lieber an dir leiden 
als an sonstwem. Lieber
zu Grunde gehn an dir,
als ohne dich sinnlos
durch die Welt zu treiben.

Das Urteil

Ihr habt leicht reden.
Ihr seid ja auch nicht
dazu verurteilt,
immer ich selbst zu sein.
Jahrein, jahraus, Tag für Tag,
Stunde um Stunde und
jeden einzelnen Augenblick
bin ich mit mir zusammen,
werde mich niemals los
und muss mich ertragen.
Was soll ich sagen?
Schön ist das nicht.

Hinreichendes Gulasch

Einen Dreck wisst ihr von den Seelöwen
oder den uralten Pergamenten,
in denen sorgfältig beschrieben wird,
wie man sorgfältig Pergament beschreibt.
Die Polkappen schmelzen.
Derweil wird gezeltet.
Und an Lagerfeuern geht die Post ab.
Wie jeden Mittwoch. Macht euch hübsch,
bevor euch der Sensenmann holt.
Einmal noch Tiefkühlkost, 
dann nur noch Fischfutter.
Verwickelt, verwackelt, verloren.

Gott steh uns bei

Ich brauche dich dringend.
Ohne dich halte ich es nicht aus.
Wie all den Wahnsinn ertragen,
den Menschen Menschen antun,
all die Morde an Leib und Seele
und Geist, wie die Gleichgültigkeit
durchstehn, die alles verödet,
ohne die Hoffnung auf dich,
die einzige, die noch bleibt 
in dieser irdischen Hölle
aus Hass und Leere?
Nur deine Liebe, meine Liebe
kann mich retten. Sonst nichts.

Notwendiges Gulasch

Gott schuf das Walross,
aber reiten, Genosse,
musst du es schon selbst.
Im Blitzlichtgewitter
verenden die Seebären.
Deren Garn erben die Löwen.
Das ist ganz einfach. 
Hinterlasst eine Nachricht
mit Kummerspeck.
Nur sehr sorgfältig
ausgewähltes Packeis
kommt überhaupt in Frage.
So geht es dahin.
Schon ist wieder Mittwoch.
Und alles verreckt.

Samstag, 31. Januar 2026

Randerscheinung

Ich bin es offensichtlich nicht wert,
von dir geliebt zu werden.
Oder auch nur gemocht.
Oder wenigstens wahrgenommen.
Du hast jedes Recht der Welt,
mich zu missachten.
Das bestreite ich gar nicht. 
Es ist nur leider bloß so,
dass ich mir anderes wünsche.

Auf die Folter gespannt II

Foltert mich nicht.
Ich verrate alles und jeden,
ich bezichtige mich bereitwillig
jeder erdenklichen Untat,
sage und unterschreibe alles,
was ihr mir vorgebt, 
wenn ihr mir nur sagt,
dass die Schmerzen aufhören
oder nicht kommen werden.

Auf die Folter gespannt I

Meinen Willen zu brechen,
wäre gewiss allzu leicht,
also lasst es gefälligst.
Denn ich bin zwar dickköpfig
aber wer weiß, was Schmerzen 
bei mir bewirken würden,
die ich durch Unterwerfung,
durch falsche Geständnisse
oder was immer ihr wollt
vermeiden können möchte.

Donnerstag, 29. Januar 2026

Mein Glück

Wahrscheinlich kann man sagen,
dass ich durchaus Glück hatte.
Unter anderen Umständen,
anderswo, zu anderer Zeit,
hätte man mich zum Schweigen gebracht.
Oder umgebracht. Oder beides.
So aber lebe ich und rede.
Das beweist allerdings nur
meine Wirkungslosigkeit.
Die Feinde sind ja dieselben,
nur ihr Zugriff ist anders.
Wenn also dies mein Glück ist,
gänzlich unbedeutend zu sein,
warte ich noch auf ein Unglück.

Mittwoch, 28. Januar 2026

So ein Zirkus

Wie ein Löwenbändiger
ganz ohne Löwen
mühe ich mich ab.
Die Nummer ist alles,
was ich so draufhabe.
Es ist gar nicht schön
anzusehn. Keiner applaudiert.
Viele behaupten sogar,
ich hätte noch nie
einen Löwen gebändigt.
Und das Gegenteil kann ich
leider nicht beweisen.
Mangels Löwen.

Das wahre Gesicht

Ihr werdet getäuscht
von den Tatsachen.
Mein zufälliges Gesicht
zeigt euch nicht den,
der ich bin. Was ich sage,
nicht aber, was ihr seht, 
ist das Wesentliche.

Dienstag, 27. Januar 2026

Deutsche Schäferhunde

Hündische Schafsdeutsche.
Schäfische Deutschenhunde.
Deutsche Hundsschafe.
Schäfische Hundsdeutsche. 
Hündische deutsche Schäfer.

Menschheit

Ihr sagt Kultur,
ich sage Massaker
und Zerstörungswut.
Ihr sagt Zivilisation,
ich sage Ausbeutung
und Menschenverachtung.
Ihr sagt Fortschritt,
ich sage Unterdrückung
und Auslöschung.
Ihr sagt Zukunft,
ich sage Macht der Maschinen
und Herrschaft der Knechte.
Wir sprechen dabei durchaus
von derselben Sache.

Montag, 26. Januar 2026

Geheimnisverrat

Manche meiner Gedichte
verschweige ich mir lieber,
das ist meiner Seelenruhe
zuträglicher und zudem
meinen Überlebenswillen. 
Auch dies hier ist so ein Gedicht,
das ich nicht lesen sollte
und das ich noch besser
gar nicht erst schreibe.

Sonntag, 25. Januar 2026

An einen Kritiker

Und selbst wenn ich nicht kann,
was ich machen möchte,
ist es besser, es zu versuchen 
und dann daran zu scheitern, 
als einfach nichts zu tun.
Besser zu viele Einfälle
als keine Wünsche und Ziele,
besser Unfertiges liegen lassen,
als nie anzufangen,
besser ein bisschen Wahnsinn
als ein sinnloses Leben.

Gebet

Lieber Gott, lass nicht zu,
dass ich wehrlos bin
gegen deine Feinde,
die dich vernichten wollen,
indem sie mich vernichten.
Wenn ich sie schon nicht
zermalmen darf, dann bitte
lass mich ihnen hin und wieder
ihr freches Maul stopfen. 

Freitag, 23. Januar 2026

Zerquetschungen

Ihr habt mitgemacht. 
Also seid ihr mitschuldig.
Redet euch nicht heraus, 
Es stimmt, ihr wart unfrei.
Dafür konntet ihr nichts.
Man zwang euch Entscheidungen auf.
Ihr habt euch dafür entschieden, 
lieber mitzumachen, als draufzugehn
oder doch Schaden zu nehmen
an noch anderem als eurer Seele.
Lieber andere zerquetschen,
als selber zerquetscht zu werden.
Lieber zuschaun und schweigen,
wenn andere zerquetscht werden,
als selber zerquetscht zu werden.
Lieber rufen: Zerquetscht sie!,
als selber zerquetscht zu werden.
Eure Seelen nahmen Schaden,
eure Leben wurden beschädigt,
anderer Leben wurden beschädigt,
anderer Leben wurden zerstört.
Weil ihr mitgemacht habt, lebt ihr noch,
immerhin, bis auf weiteres.
Weil ihr mitgemacht habt und
weil ihr schuldig geworden seid,
könntet ihr sagen, wie es war.
Könntet zugeben, was ihr getan habt,
und was ihr unterlassen habt.
Ihr aber schweigt. Oder redet euch heraus.
Und tut euch selber leid,
ihr zerquetschten Zerquetscher.

Montag, 19. Januar 2026

Pein

Recht unangenehm ist es,
nasse Socken zu tragen.
Und fürchterlich, in Blut zu waten.
Das eine widerfährt manchem.
Das andere lassen wir zu.
Wehe uns.

Samstag, 17. Januar 2026

Schrei

Unsäglich peinlich bin ich,
weshalb jeder mich meidet,
lächerlich, jämmerlich, ein Narr,
der sich für jemanden hält,
aber ein Nichts ist, ein Niemand.

Tourette

So ist es schön. So kann es bleiben.
Zwischen uns ist alles gesagt. Außer,
du hättest noch was auf dem Herzen,
was ich nicht wissen soll. Wir teilen uns
ein Stückchen eines Weges, mehr nicht.
Das ist schon sehr viel. Lass es uns bitte
genießen. Oder siehst du das anders?

Strandgut vielleicht

Wenn auch mit vielen Muscheln Verspätung
umfassen die Strände de Krabben,
Der Möwen einsame Lieder
verkennen die Struktur der Welt
so wenig wie der Hafer die Grütze.
Und eine Mütze mag verwehen, wer will,
es wird doch kein Schuh daraus, nirgends.
Aber wenn das Bernsteinzimmer anbrandet,
ist die Welt noch in Ordnung, ihr Schweine.

Sonntag, 11. Januar 2026

Freitag, 9. Januar 2026

Speckstein und Erben

Wenn die Fürze quersitzen,
wandert die Fröhlichkeit ab
und die Sterne wissen nicht,
wem sie noch brennen sollen.
Konfuzius aber sagt,
still und starr ruhe der See.
Während das Tannenbäumchen
einsam verglüht in der Nacht
vor seinem Tode. Fleischlos
ernährt sich das Eichhörnchen,
und der Regenwurm bibbert,
bis er ins Trockendock kommt.
Wer sich für Grillzeug erwärmt,
hätte jetzt Gelegenheit
zu einem letzten Tango.
Die Asche fliegt bis zum Mond.

Abstieg

Vor mir liegt die Unendlichkeit,
wenn ich schlafe und träume.
Wenn ich aber wach bin,
bedrängt mich das Elend
dieser mickrigen Welt.

Mittwoch, 7. Januar 2026

Utopie

Zu weit gegangen.
Wohin keiner wollte.
Einsam geblieben.
Wege gebahnt.
Ohne etwas erreicht zu haben.
Nicht vorangekommen,
nur bis ans Ende.

Montag, 5. Januar 2026

Meine Zeitgenossen

Ach, wisst ihr was, von mir aus
können alle zur Hölle fahren,
wenn es das ist, was sie wollen.
Wer bin ich denn, ihn zu sagen,
sie hätten Heilige zu sein
oder auch nur halbwegs anständig?

Orphisch

Es gäbe die Schönheit und man könnte ihr singen, während in Blut waten  die Menschenfresser. So ist das Leben.